Silvretta

Mein Lieblingsbouldergebiet in Österreich

Silvretta

Wer im Sommer nicht das Glück (oder die Zeit) hat, nach Südafrika zu flüchten, muss mit heimischen Gebieten Vorlieb nehmen. Eines der wenigen Gebiete, in denen man im österreichischen Sommer klettern kann, ist die Silvretta. Sie liegt auf ca. 2000m über dem Meeresspiegel und hat ein schier unübertreffliches Panorama und Ambiente. Der höchste Sektor liegt auf rund 2300m (Falsche Götter).

Ein gut gemeinter Tipp, falls du noch nie in der Silvretta warst: bring viel Haut mit! Die Gneis-Leisten sind leider extrem scharf und zerstören deine Haut innerhalb weniger Versuche. Mir ist es schon öfter als einmal passiert, dass ich mir am Aufwärmblock schon das erste Cut geholt habe. Große Bewunderung meinerseits geht an alle Leute, die mehr als einen Tag Gas geben können.

Silvretta Panorama (c) Manuel Schof

Jahreszeit

Normalerweise kann man in der Silvretta ab Mai bis September oder Oktober klettern. Natürlich immer davon abhängig, wie schneereich der Winter war und wie früh der erste Schnee fällt. Dieses Jahr gestaltet sich die Situation durch den vielen Schnee etwas schwieriger… Jetzt, Mitte Juni liegen noch viele Schneefelder auf den Pisten und einige Blöcke sind noch halb unter den Massen bedeckt. Das Gute am Schnee ist, dass man beim Abstieg auf dem Pad nach unten rodeln kann 😀

Im Juli und August wird es trotz der Höhe leider auch in der Silvretta warm. Da spürt man dann richtig, wie sich die scharfen Noppen der Leisten in die weichen Fingerspitzen bohren. Hier empfehle ich Early Bird- oder Nightsessions. Auch ein tragbarer Ventilator bietet sich an, um die Fingerspitzen wieder aufzutrocknen. Vergesst nicht, ein Cap oder einen Hut und die Sonnencreme einzupacken, denn die Sonne ist in der Höhe wirklich nicht zu unterschätzen. Auch wenn der Wetterbericht schlechtes Wetter vorhersagt, kann man einen early-bird-trip in die Silvretta riskieren. Oft kommen die Regenwolken gar nicht oder das Wetter hält trotzdem bis zum Nachmittag, und da ist die Haut meistens schon durch. Falls einen das schlechte Wetter doch erwischen sollte, ist es das Beste, einfach abzuwarten. Die Blöcke stehen frei und der Fels trocknet nach einem Regen schnell wieder auf. Letztes Wochenende stellte ich fest, dass die Blöcke nach einem 30minütigen Gewitter teilweise nicht einmal nass wurden.

Ein bisschen Spaß muss sein.

Wohin?

Von Innsbruck ist man nach circa 1,5 Stunden Autofahrt dort, was für einen Tagestrip noch im Rahmen ist. Auf der Autobahn nimmt man die Ausfahrt „Pians/Silvretta“ und fährt noch eine gefühlte Ewigkeit mit einer 50er Beschränkung ins Tal rein, bis nach Wirl.

Parkplatz und Camping

Der offizielle Parkplatz befindet sich bei einer Liftstation, welche Sanitäranlagen zur Verfügung stellt. Die Parkgebühr beträgt pro Tag 5€, dafür kann man auch ohne Probleme am Parkplatz schlafen, campen, kochen und abwaschen. Wer öfter in der Silvretta ist, kann auch in eine Jahreskarte investieren – akzeptiert wird nur Bargeld ab 1€ aufwärts! In den Sommermonaten ist der Parkplatz gerne von vielen Urlaubern und Zelten besetzt. Wenn man Pech hat und nichts mehr frei ist, muss man weiter unten auf der Schotterstraße parken oder ganz unten auf der asphaltierten Straße – Zustieg zum Parkplatz sind dann ca. 30 min.

Kinder

Für die Kids gibt es einen kleinen „Kinderbouldergarten“, welcher sich vor dem ersten Sektor befindet. Hier sind die Boulder farblich markiert und das Absprunggelände gut präpariert. Die restlichen Sektoren eignen sich nicht so gut für Kinder, denn das Gelände ist sehr felsig und teilweise finden sich auch Löcher wo man reinfallen könnte.

Zustieg

Je nachdem zu welchem Sektor man möchte, beträgt der Hike anstrengende 10-45 Minuten. Man geht eigentlich die ganze Zeit auf einer steilen Schotterstraße, ab und zu gibt es Abkürzungen über die noch steilere Skipiste. Wenn man später dran ist und in der Mittagshitze zu den Sektoren gehen muss, ist es schier unerträglich, denn einen Schatten sucht man oberhalb der Baumgrenze vergeblich. Auf der Schotterstraße fahren immer wieder Autos vorbei, die auf dem Weg zu den Hütten sind. Versucht gerne euer Glück mit Autostoppen, man wird ab und an auf der Ladefläche eines Pick-Ups mitgenommen (ja, ich spreche aus Erfahrung).

Sektoren und Schmankerl

Inzwischen gibt es schon 9 Sektoren, wovon aber nur 8 im Alpen en Bloc 1 (3. Auflage) drin sind. Der neueste Sektor ist zustiegsmäßig der Beste, denn es geht nur kurz bergauf und danach bergab. Bezüglich des Namens habe ich leider keine Infos, ich nenn ihn „Diamond-Nuts-Höhle“ oder einfach nur „die Höhle“. Dort unten befindet sich einer der besten Boulder in der Silvretta: „Diamond Nuts“ 8A. „Maribou“ ist auch extrem cool zu klettern, obwohl die Linie zuerst große Verwirrung stiftet, mit all ihren angechalkten Griffen. Gegenüber vom „Maribou“ ist der „Sucker for Pain“ 8A, dessen Crux aus einen morpho Zug auf eine gute Zange besteht. Aus der Höhle raus, 10m weiter den Weg runter, befindet sich links etwas versteckt ein neuer 8A namens „King of Nothing“ mit 2 massiven linken Heels und den typischen kleinen Leisten.

Karo Sinnhuber in „Diamond Nuts“ 8A (c) Manuel Schof

Karo Sinnhuber beim Schlüsselzug von „Sucker for Pain“ 8A (c) Manuel Schof

Wenn man den Hügel wieder nach oben geht, kommt man zum eigentlich ersten Sektor des Gebiets, dem „Sekten Sektor“. Hier befinden sich einige Aufwärmer im 6er Bereich und die must-climbs „Odin“ 7B und „Thor“ 7A+. Wer sich gerne einen leichten Highball anschauen möchte, der sollte „Zu jung um zu Sterben“ 6B probieren. Gleich daneben findet man „Niviuk“ 7C+/8A, einen Klassiker, der aber in der Zwischenzeit schon etwas abgeklettert ist. Wer genug von den Leisten hat und Sloper mag, sollte sich bei der „Flechtenkante“ wohlfühlen.

Karo Sinnhuber in „Zu jung um zu sterben“ 6B (c) Chris Reichl // „Niviuk“ und die „Flechtenkante“ im Hintergrund

Im „Anam Cara“ Sektor befindet sich nicht nur der härteste Boulder in der Silvretta („Anam Cara“ 8B+), sondern auch ein paar Boulder zwischen 6A und 7B+ sowie „British Airways“ 8A mit einem undankbaren Schlusszug und „Pretty Belinda“ 8A, eine hübsche überhängende Traverse. Am „Pretty Belinda“ Block gibt es noch 4 neue Linien, welche sich zwischen 7C und 8A befinden. Näheres hierzu inkl. einem kleinen Topo findet ihr hier.

Wenn man noch etwas weiter nach oben geht, kommt man zum Sektor „Schuh des Manitu“ und „Super Crack“. Wobei im ersteren Sektor 15 Probleme zwischen 5A und 7C zu finden sind und im zweiteren Boulder von 6A bis 7B. Also die perfekten 2 Sektoren für diejenigen, die etwas leichter unterwegs sind!

Nach ca. 35-40 Minuten Zustieg erreicht man meinen Lieblingssektor „Palm Beach“. Hier liegt der legendäre „Shining-Block“ mit den Linien „Memento“ 8B, „Shining“ 8A und „More Shining“ 8B und „Smiling“ 8B. Dieser Block ist den ganzen Tag im Schatten, erst nachmittags kommt die Sonne rein. Meistens ist es dort jedoch ziemlich busy und zum Anstellen. Gleich daneben ist einer der schwersten 8As „X-Ray“. Niemand weiß ganz genau wo er startet, alles ist angechalkt, alle Griffe sind schlecht. X-Ray ist meiner Meinung nach einer der Beta-intensiveren Boulder, der auch nicht dem „Silvretta-Ideal“ entspricht, denn hier sind Compression-Skills auf offenen Leisten und Slopern gefragt.

Wenn man circa 5 Minuten weiter nach rechts geht, finden sich weitere gute Linien um den Grad 7C+/8A: „Schattenkrieger“, „Krieger des Lichts“ und „Zwiederwurzen“. Ursprünglich waren sie alle mit 8A bewertet, mit der Zeit wurde daraus eine 7C+ oder gar 7C. So erging es fast allen anfangs mit 8A bewerteten Bouldern in der Silvretta.

Busy vibes am Shining Block – hier trifft man meistens bekannte Gesichter

Karo Sinnhuber in „X-Ray“ 8A (c) Andi Aufschnaiter

Oberhalb vom „Palm Beach“ ist der „Golden Gate“ Sektor, wo sich das „Baby Lama“ 7C mit weiten Zügen auf guten Griffen befindet (unbedingt klettern!). Direkt daneben ist der Boulder mit den außergewöhnlichsten Zügen die ich je gesehen hab: „Rongbuk“ 8A+. Es geht alles um den rechten Heelhook, der für den Unterkreuzer zu 100% sitzen sollte, denn ohne ihn läuft gar nichts. Die Leisten sind nicht ganz so klein wie z.B. bei „Shining“, hier sind die Körperposition, der Heel und die Kraft von Bedeutung. Wer den Führer noch etwas durchblättert, findet noch weitere Boulder im Bereich 6C bis 7A sowie 7C.

Karo Sinnhuber in „Rongbuk“ beim außergewöhnlichen Zug

In einem der obersten Sektoren (Outlands) findet man den legendären Highball „Skiroute“, welcher wirklich massiv aussieht und einige Pads benötigt, wovon meistens 2-3 unter dem Block verstaut sind. Falls ihr diese verwendet, bitte legt sie wieder ordentlich dorthin zurück, wo ihr sie herhabt. Ihr würdet euch auch freuen, wenn fremde Leute mit euren Matten gut umgehen. Der Stehstart des Highballs ist ca. 7A; wenn man jedoch den Vorbau auch noch rausklettert, ordnet sich der Boulder bei 8A+/B ein. Falls du etwas Respekt vor der Höhe hast, kannst du „Charity Bouldern“ klettern, der nach dem Dach nach links traversiert und sich ebenfalls im Bereich 8A+/B befindet.

Karo Sinnhuber im unteren Teil von „Skiroute“ bzw. „Charity Bouldern“ 8A+/8B

Ein anderer, nicht ganz so hoher und schwerer Boulder ist direkt links am Block neben dem Highball, er heißt „Colibri“ 7C+ und benötigt sehr viel Willenskraft um die super scharfen Leisten festzuhalten – klettern tut er sich trotzdem ziemlich gut.

Wenn du nach dem Hike zum „Outlands Sektor“ noch nicht genug hast und unbedingt noch ein paar Höhenmeter sammeln möchtest, dann mach dich auf den Weg zum „Falsche Götter“ Sektor. Dort findest du einen einzigen hohen Block mit mini Crimps. Zum auschecken liegt ein Seil oben, du musst nur noch Grigri und Gurt mitbringen – oder einfach Ground-up klettern. Empfehlenswert sind 4 Matten und mindestens ein großer Spotter.

Karo Sinnhuber im „Falsche Götter“ Highball 7C+

Wie ihr seht, gibt es in der Silvretta erst ab 7B aufwärts viele gute Boulder. Das ist meiner Meinung in ganz Österreich so: Man muss erst ein gewisses Level erreicht haben, um coole Sachen im Freien bouldern zu können. In Bleau ist das zum Beispiel anders: hier hat man als Anfänger eine sehr große Auswahl und die leichten Boulder sind wirklich schön zu klettern. Zugegebenermaßen kann es natürlich auch vorkommen, dass man als 8A Boulderer in Bleau bei 6B Platten verzweifelt. Bei uns besteht bezüglich leichter Boulder definitiv noch etwas Aufholbedarf, denn in diesem Schwierigkeitsgrad werden meistens nur Lowballs (niedrige Blöcke), ungeputztes oder brüchiges Zeug geboten.

Ich hoffe, ich habe euch nicht die Motivation verdorben, mit all meinen Warnungen bezüglich der scharfen Griffe. Es ist immer sinnvoll sich selbst ein Bild von einem Gebiet zu machen, Geschmäcker sind verschieden. Und obwohl ich jedes Mal nach einem Tag in der Silvretta extrem leide (hauttechnisch) verschlägt es mich immer wieder hin.

Vielleicht treffen wir uns dort ja einmal, dann können wir gemeinsam jammern 😉

Um die Orientierung etwas zu erleichtern, hier ein selbstgezeichnetes Topo.

Manox_KaroSinnhuber

Steckbrief Karo Sinnhuber

Jahrgang: 1995
klettert seit: gefühlt 1995, wirklich 1999
arbeitet: als wannabe Pro-climber
mag: jegliche Art von Essen!
mag nicht: volle Kletterhallen und schlechtes Wetter
mag manchmal: einfach nicht aus dem Bett raus
aufgewachsen: dank meinen Eltern in verschiedensten Klettergebieten 😀
kletterte: ihre erste Route (für Nina, 4-//Frankenjura) im Alter von 4 Jahren
boulderte: bis 8b und hoffentlich noch schwerer

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