Klettern wird olympisch

Fluch oder Segen?

Klettern auf dem Olymp …

Bevor wir voll in das heutige Thema unseres Blogeintrages eintauchen, zuerst einmal ein kurzer Überblick über die Geschichte des Sportkletterns. Sportklettern als Wettkampf hat eine kurze aber sehr interessante Geschichte. Alles hat damals in 1985 begonnen, als der erste offizielle Wettkampf in Bardonecchia, Italien, organisiert wurde. Beim „SportRoccia in Valle Stretta“ kletterten die Teilnehmer noch auf Naturfelsen. Stefan Glowacz und Catherine Destivelle gewannen damals vor tausenden von Zuschauern den ersten Preis. Da hat sich bereits zum ersten Mal abgezeichnet, welche Anziehung unser geliebter Sport auf die Massen ausüben wird.

Bei der zweiten Edition, in Arco und in Bardonecchia, gewannen die Franzosen Patrick Edlinger und wieder einmal Catherine Destivelle. Das Finale wurde damals im italienischen Fernsehen ausgestrahlt und dabei waren schon eine beachtlichen Anzahl von mehr als 10.000 begeisterten Zuschauern vor der Klotze mit dabei.

1987 fand dann auch schon in Arco das erste Rock Master statt, wieder auf Naturfelsen. Das Rock Masters gibt es heute auch noch und es wird von vielen als die „inoffizielle Weltmeisterschaft“ bezeichnet. Beim Rock Masters werden zwei Lead Routen geklettert, eine in Onsight und die zweite darf vorher besichtigt werden. Der/die Beste aus beiden Routen gewinnt das Rock Masters und in 2016 konnte sich Adam Ondra schon zum zweiten Mal in Folge die Trophäe mitnehmen (link: Rock Master Hall of Fame).

1988 wurde Sportklettern dann auch von der UIAA anerkannt und 1989 fand der erste Kletterweltcup in Leeds und 1991 die erste Kletterweltmeisterschaft in Frankfurt statt. Die beiden Veranstaltungen unterscheiden sich dadurch, dass die Kletterweltmeisterschaft größer ist und aus einer internationale Wettkampfserie mit bis zu 10 Einzelveranstaltungen besteht. Dabei gibt es dann Gesamtwertungen, Einzeldisziplinen und auch das allseits beliebte Nationenranking, welches 2016 in Paris von Russland angeführt wurde. Die nächste Weltmeisterschaft findet übrigens in 2018 in Innsbruck statt.

Aber zurück zu den Anfängen, es wurde sehr früh festgestellt, dass Klettern am Felsen nicht ideal für Wettkämpfe ist: Routen können nicht einfach auf- und abgeschraubt werden und mussten sehr genau markiert werden. Aus diesem Grund wurden Kletterwettkämpfe mit der Zeit auf künstliche Wände verlegt und damit unsere Plastikgeneration geboren. Als nächster Schritt wurde dann in 1991 Speedklettern eingeführt, 1992 kamen noch die Jugendweltmeisterschaften dazu und 1998 wurde endlich auch das erste Mal Bouldern eingeführt. Seit 2005 ist nun die IFSC (International Federation of Sport Climbing) Organisator der Events, welche dies Aufgabe von der UIAA übernommen hatte. Als letzter wichtiger Schritt zu Olympia wurde dann 2014 bei den Olympischen Jugendspielen in Nanjing die drei Kategorien Schwierigkeitsklettern (Vorstiegsklettern), Speedklettern und Bouldern vorgeführt (link: IFSC).

Letztes Jahr, Anfang August 2016, war es dann endlich so weit, Sportklettern wurde zusammen mit 4 weiteren Sportarten, in das Programm der Olympischen Spiele für 2020 in Tokyo aufgenommen. Damit ist Sportklettern olympisch und erhält die volle Anerkennung als Sportart und als eigener Wettkampfsport. In der offiziellen Erklärung heißt es – Wettkampfklettern ist eine sehr junge Disziplin, geeignet für alle Altersschichten, gleichberechtigt für Männer und Frauen. Aber einer der wichtigsten Gründe ist natürlich die stetige Verbreitung unserer Leidenschaft. Es wird geschätzt, dass es allein in Japan – wo Olympia 2020 stattfindet – um die 500.000 Kletterbegeisterte gibt, während der deutsche Alpenverein mehr als 2 Millionen Kletterer in Europa zählt. Der IFSC spricht von 25 Millionen Kletterer die sich weltweit regelmäßig am Felsen austoben. Aber egal, das sind ja nur Zahlen, wir teilen ja gerne, solange wir uns bei unserer Lieblingsroute nicht Stunden anstellen müssen…

Insgesamt eine erfolgreiche Geschichte mit einem Happy End, oder?

Naja, so einfach geht es dann auch wieder nicht. Das von der IFSC empfohlene Wettkampfformat sorgt für Aufregung. Es sieht vor, dass insgesamt 60 Kletterer in drei Disziplinen antreten werden: Vorstiegs/Lead-klettern, Bouldern und Speedklettern. Medaillengewinner werden allerdings nicht in der Einzeldisziplin gekürt sondern alle drei Bewerbe werden nur als Gesamtwertung beurteilt. Also wie Ihr seht, schon eine etwas sehr kontroverse Entscheidung, mal Hand auf Herz, wieviele von euch da draußen sind schon einmal Speedgeklettert?

Und, was sagen die Kletterprofis dazu? Wir haben uns im Internet umgesehen und die interessantesten Interviews für euch gegoogelt.

Jakob_Schubert

Name: Jakob Schubert
Land: Österreich
Schwierigste Route am Felsen: 9b
Größte Erfolge im Wettkampf: 2011 1. Platz in der Weltcupgesamtwertung

Ich bin seit jeher ein sehr sportbegeisterter Mensch. Seit meiner Kindheit habe ich immer die Olympischen Spiele verfolgt und es ist auch für mich ein Traum bei so einem Großereignis dabei zu sein. Es ist eine Riesenchance für unsere Sportart sich vor der ganzen Welt zu präsentieren. Immer mehr Leute sehen, wie lässig es ist zu klettern. Im Moment sieht es so aus, als würde Klettern bei der Olympiade in Form einer Kombination aus den drei Disziplinen (Boulder, Lead, Speed) ausgetragen werden. Sowohl der Großteil meiner Kletter-Kollegen als auch ich ist mit dem vorliegenden Vorschlag nicht zufrieden und ich hoffe sehr, dass der Internationale Kletterverband (IFSC) und das IOC das Format noch überdenken werden. Als Vorstiegs-Athletensprecher im Weltverband werde ich mich stark für eine Kombination aus Lead und Bouldern einsetzen, da Speed für mich eine komplett andere Sportart ist. (Interview auf: Austrianclimbing.com).

Es ist eine Riesenchance für unsere Sportart sich vor der ganzen Welt zu präsentieren.

Portrait of Kilian Fischhuber in Innbruck, Austria on June 29th, 2011 // Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool // P-20120217-90203 // Usage for editorial use only // Please go to www.redbullcontentpool.com for further information. //

Name: Kilian Fischhuber
Land: Österreich
Schwierigste Route am Felsen: 9a, 8b+ Boulder
Größte Erfolge im Wettkampf: 2005, 2012 Bouldern-Vizeweltmeister
Seit 2013 vom Wettkampfklettern zurückgetreten

Kilian hat ein sehr ausführliche Meinung zu dem Thema Olympia, nachzulesen unter beigefügtem Link, im Zusammenhang mit unserem Blog interessiert uns seine kritische Meinung zum Bewerb selbst.

Tatsächlich fragwürdig finde ich die Einführung der Kombination aller drei Disziplinen. Hier gab es nie einen Bewerb, einen getesteten, geschweige denn funktionierenden, Modus. Die Athleten, die jetzt von der Besteigung des Olymps träumen, denken hier meiner Meinung nach zu kurzfristig. Wenn Klettern 2020 floppt, war’s das! Ich bin für eine nachhaltige, überlegte und erprobte Aufnahme vom Klettersport anstatt von Schnellschüssen. Meiner Meinung nach, ist es möglich in allen drei Disziplinen zur Weltspitze zu gehören, die Kombination gibt’s ja auch im Skisport. Aber es käme doch keiner auf die Idee die Spezialdisziplinen Slalom und Abfahrt deswegen zu streichen, oder?

Sinn machen würde es, die drei Disziplinen so wie sie sind, in den Olympischen Zirkus aufzunehmen. Boulder, Speed, Lead. Fertig! Der internationale Verband hat sich, billig verkauft, die „Krot geschluckt“ und dem Sport eine neue Disziplin aufgezwungen. Nachhaltige Entwicklung sieht anders aus! Ich frage mich nur wie es gelungen ist dem IOC etwas derart Unerprobtes zu verkaufen. Die müssen doch auch stutzig sein, oder etwa nicht? (Interview auf: redbull.com).

Ich bin für eine nachhaltige, überlegte und erprobte Aufnahme vom Klettersport anstatt von Schnellschüssen.

RedBullContentPool_jain-kim-kletterin-finger-porträt

Name: Ja-in Kim
Land: Südkorea
Schwierigste Route am Felsen: 8b+
Größte Erfolge im Wettkampf: 2010, 2013, 2014 Kletterweltcup-Gewinnerin, 2014 Lead-Weltmeisterin

Was die Kombinationswertung angeht, bin ich unsicher. Ich habe es zwar geschafft, bei den Weltmeisterschaften 2012 in Paris in der Kombination aus allen drei Disziplinen Gold zu erringen, man muss aber sagen, dass die Unterschiede zwischen Speed und Lead/Bouldern schon sehr groß sind. Wenige Athleten trainieren für alle drei Disziplinen und die Kombination repräsentiert den Sport nicht so, wie er ist – trotzdem ist eine Adaption für die Olympischen Spiele scheinbar nötig und ich finde es in Ordnung, erstmal so anzufangen und sich dann Schritt für Schritt weiter zu arbeiten, bis die einzelnen Formate aufgenommen werden können (Das gesamte Interview auf: redbull.com).

Klettern ist so viel mehr, als nur das Top zu erreichen.

Adam Ondra

Name: Adam Ondra
Land: Tschechische Republik
Schwierigste Route am Felsen: 9b+
Größte Erfolge im Wettkampf: 2014 Lead- und Boulderweltmeister

Adam ist für viele im Moment der beste Kletterer der Welt. Viele von uns verfolgen seine Abenteuer mit Chris Sharma in Spanien und er ist auf jeden Fall ein Freund des Felsens. Er erbringt Spitzenleistung sowohl am Felsen als auch bei den Wettkämpfen und hat vor kurzem gerade den zweiten Aufstieg von „Dawn Wall“ am El Capitan geschafft. Was hält so ein Ausnahmekletterer von dem Format, dass jetzt für die olympischen Spiele angedacht ist? Bei einem Video-Interview zeigt er sich gegenüber dem Format extrem kritisch. Speziell mit Speedklettern in der Kombination kann er sich nicht anfreunden, da es dabei nicht um Kreativität geht wie beim Klettern, sondern einfach nur um die starre Abfolge von Griffkombinationen für die man immer wieder trainiert. Für ihn ist Speedklettern eine künstliche Disziplin fernab der Grundidee des Kletterns. Er überlegt offen im dem Interview ob er überhaupt an den olympischen Spielen teilnimmt oder ob er diese boykottiert. Na ja, bis 2020 haben wir ja noch etwas Zeit und die olympischen Spiele ohne Adam, wären auf keinen Fall das Gleiche. Das Interview könnt Ihr auf EpicTV ansehen.

Man kann ruhigen Gewissens sagen, dass das angestrebte Format mit Speedklettern in der Kombination für die größte Aufregung sorgt. Wie bei allen Sportarten steht auch die etwas philosophische Frage im Raum, inwiefern eine derartige Kommerzialisierung den Sport an sich verändert, aber in diesem Blog konzentrieren uns auf den Bewerb selbst.

Speedklettern, was ist das?

Speedklettern, ist Klettern als ein Wettlauf gegen die Zeit auf einer definierten Route von 15 Meter. Der IFSC hat den Bewerb als direkten Wettbewerb zwischen zwei Athleten festgelegt. Beide klettern Seite an Seite und der erste der oben ist hat gewonnen. Der aktuelle Rekord liegt 5,6 Sekunden für Männer und 7,5 Sekunden für Frauen. Natürlich muß bei jedem Rekordversuch ein Vertreter der IFSC anwesend sein, euer persönlicher Rekord in der Kletterhalle zählt leider nicht.

Die Route bleibt bei allen Speed-Wettkämpfen die Gleiche. Jede Kletterhalle kann sich eine von der IFSC zertifizierte Speedroute – identisch mit der Wettkampfroute – schrauben lassen. Die Speedgriffe sind ebenfalls standardisierte Griffe, die nur fürs Speedklettern verwendet werden. Damit wird das ganze aber schon ziemlich langweilig, da es immer die gleiche Route ist, die gleichen Griffe (unsere Meinung). Die Struktur des Sports, macht Speedklettern zu einem Geschwindigkeitssport wie Laufen oder Schwimmen, wo die Laufbahn bzw. das Schwimmbecken identische Standards haben. Damit können sich Athleten voll und ganz auf die Geschwindigkeit konzentrieren. Und wenn Ihr euch fragt… nein es existiert kein offizieller Schwierigskeitsgrad für die standardisierte Speedroute.

Speedklettern an sich ist jetzt allerdings nicht neu und schon seit Jahren Teil der offiziellen Wettkämpfe und zählt auch zur Gesamtwertung. Speziell für die Zuschauer ist Speedklettern spektakulär, da sich die Athleten im direktem Wettbewerb messen. Für Laienzuschauer ist der Wettkampf auch leichter zu verstehen, als das normale, technische Klettern. Aber einmal Hand aufs Herz, wer hat von euch Kletterern da draußen hat schon einmal Speedgeklettert? Speedklettern ist eine sehr künstliche Form des Kletterns und hat sich sehr stark vom Ursprung des Kletterns entfernt, weshalb Sie unter richtigen Kletterern nicht weit verbreitet ist. Es ist beim Klettern immer darum gegangen, oben anzukommen, nicht darum die Schnellste zu sein. Athleten die an der Olympiade teilnehmen wollen, müssen nun in den nächsten vier Jahren speziell fürs Speedklettern trainieren um damit Ihre Chancen auf eine Medaille zu erhöhen. Reine Speedkletterer (wir kennen keine), wären allerdings von dieser Form der Ausführung am meisten benachteiligt, da Sie für die Olympiade noch 2 zusätzliche Disziplinen meistern müssen, Leadklettern und Bouldern.

Es gibt allerdings nicht nur negative Meinungen gegenüber dem Speedklettern, wir haben auch ein paar positive Stimmen gefunden. John Brosler, seit 2009 Speedkletterer des US-Teams, findet seine Diszipline sehr ehrgeizig, weil man eben diesen direkten Vergleich mit der Uhr hat und ständig nach einem „personal Best“ suchen muss. Sein Training fokussiert sich auf absolute und Schnellkraft zusammen mit mentaler Stärke: die im Training erzielten Ergebnisse müssen dann natürlich auch im Wettkampf repliziert werden. Laut Zoe Leibovitch, ebenfalls US-Speedkletterin, verleiht Speedklettern ein Gefühl von Fliegen und ist sogar eine Art mentaler Befreiung. Außerdem findet Sie, das Speedklettern auch ein gutes Training für die anderen Kletterdisziplinen ist: die explosive Kraft und das Ansetzen vom ganzem Unterkörper ist für das Bouldern sehr nützlich und im Vorstieg profitiert man von einem gleichmässigen und kraftsparenden Kletterrhythmus.

Naja, die nächsten vier Jahre werden uns zeigen, wie sich Sportklettern in Tokyo präsentieren wird. Wir sind auf jeden Fall schon gespannt darauf und werden mit dabei sein.

claudia

Steckbrief – Claudia

Ich bin Physiotherapeutin, Asien-Liebhaberin und eine etwas seltsame Kletterin. Ich komme ursprünglich aus Italien – genauer gesagt 138 Km von Arco entfernt – war dort aber noch nie klettern. Wenn ich draußen in der freien Natur bin, dann bevorzuge ich andere Aktivitäten wie Wandern, Laufen und Skifahren. Künstliche Kletterwände – je steiler, desto besser – sind dafür aber meine große Kletterleidenschaft. Ich kenne jede Kletterhalle in der Umgebung und, wenn ich meinen Urlaub plane, achte ich immer darauf, dass es dort auch eine Kletterhalle gibt: ich werde sie auf jedem Fall besuchen!

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