Klettern in Wien Umgebung

Was das Klettern betrifft, hat Wien nicht unbedingt einen fabelhaften Ruf in Österreich. Die geographische Lage scheint das durchaus zu bestätigen, denn zweifellos liegt Wien im flachen Osten des Landes. Andererseits, wer braucht zum Sportklettern schon Berge? Eben. Natürlich kann man in Wien, also der Stadt als solcher, nicht klettern. Genausowenig kann man in Innsbruck oder in Graz klettern. Und mal im Ernst, wer will schon in einer Stadt, mit ihrem Getöse, ihrer Hektik und ihrer Enge klettern? Wenn es aber um das Klettern im Umkreis einer Stadt liegt, dann ist Wien bei den besten Ausgangspunkten in Österreich vorne dabei. Innerhalb eines Fahrtradius von nur einer Stunde befinden sich nicht weniger als 6000 (!) Routen mit einer Länge von bis zu 500 Metern.

Peilstein

Im weitläufigen Wienerwald, der sich von der Stadtgrenze im Westen bis nach Sankt Pölten zieht, verbergen sich etliche größere und kleinere Kalkmassive.  Wenn es ein Gebiet gibt, das mit der Geschichte des Kletterns in Wien verbunden ist wie kein anderes, dann ist das der Peilstein sowie sein bekanntester Ausläufer, der Thalhofergrat. Nicht mehr als eine halbe Stunde Fahrtzeit muss man bei gutem Verkehr veranschlagen um sich aus dem urbanen Umfeld mitten in das Herz des Wienerwalds zu beamen. Ohne Vorwarnung erhebt sich mitten aus dem weitläufigen Grün urplötzlich das gewaltige Felsband des nach Westen ausgerichteten, bis zu 120 Meter hohen Peilsteinmassivs.

Lange bevor die Auffassung des modernen Kletterns entwickelt wurde, diente der Peilstein als Trainingsgebiet für die Kletterer der Wiener Schule des Alpinismus, die vor allem im Gesäuse, am Hochschwab, am Dachstein aber auch in den Dolomiten bedeutende Erstbegehungen verbuchen konnte. Ein Klettergebiet in Stadtnähe – das war in Österreich einzigartig. Warum die Wiener Alpinisten derart erfolgreich waren, hat noch einen anderen guten Grund: Der Peilstein ist eine harte Schule und wer hier zu reüssieren wusste, der war woanders auch nicht aufzuhalten.

Die Kletterei ist meistens plattig bis senkrecht, stark überhängende Linien sind an seinen Wänden eher die Ausnahme. Da der Fels vielfach eine glatte Oberfläche aufweist, ist eine präzise Fußtechnik gefordert. Zudem ist der Blick und die Intuition gefordert, denn die Strukturen des Peilsteinfelsens sind nicht leicht zu lesen. Das mag sich ein wenig unangenehm anhören, doch anstatt sich einschüchtern zu lassen, muss man sich einfach ein wenig Zeit geben. Geistloses Henkelziehen ist anderswo, am Peilstein wird der Kletterer als Ganzes gefordert. Ja, das kostet ein wenig Eigeninitiative, führt aber dazu, dass sich die eigenen Skills rasant verbessern. Man wird präziser, vorausschauender, schlauer. Mit einem Wort: man wächst mit den Routen, die man meistert. Wenn man die Initiation einmal überstanden und sich an den Peilstein und seine Eigenheiten gewöhnt hat, dann liegt einem ein schier endloses Königreich an Fels zu Füssen. In der tiefliegenden Herbstsonne Meter um Meter über dem in Gelb, Orange und Rot glühenden Mischwald Meter um Meter abzuspulen gehört zum Besten, was es klettermäßig um Wien zu erleben gibt.

FÄCTS

800 Routen von 3c-8c

Fahrtzeit von Wien: 35’’

Zustieg: je nach Sektor 10-25’’

Führer: Ewald Gauster, Kurt Schall, “Peilstein Kletterführer

Johanna Ernst klettert die Kanzelwand am Peilstein.

Thalhofergrat

Geologisch gesehen gehört der Thalhofergrat ja zum Peilstein, dennoch gilt er als ein eigenes Gebiet. Das die Umgebung dominierende Felsband des höher gelegenen Peilsteins läuft an seinem rechten, nordseitigen Rand aus und verschwindet in den Bäumen. Etliche Höhenmeter tiefer und nur ein wenig höher als der die Talsohle durchpflügende Nöstalbach, tauchen die Felsen wieder aus dem Wald auf und bilden ein eigenständiges, 214 Routen umfassendes Gebiet.

Der Thalhofergrat ist mit Sicherheit einer der beliebtesten Spots im Bereich der Stadtgrenze Wiens. Im Gegensatz zum Peilstein ist der Fels hier steiler und auch griffiger und zumeist von hervorragender Qualität. Routen wie Typhus und Malaria haben sich dank ihrer Felsqualität und ihrer Länge von 35 Metern zu den Megaklassikern des Gebiets entwickelt. 

Bei nicht einmal fünf Minuten Zustieg gibt es kaum einen Grund, nachmittags nicht schnell seine Sachen zu packen und hier ein paar Längen zu ziehen. Dass man der Einzige ist, der diesen genialen Einfall hat, kommt allerdings selten vor und oft  herrscht am Wandfuss reges Treiben. Interessanterweise gerät es am “Thaligrat”, wie der Felsen liebevoll genannt wird, aber nie so voll, dass es unangenehm wäre. In puncto Ausblick und Ambiente kann der straßennahe Thalhofergrat zwar nicht mit dem großen Bruder Peilstein mithalten, aber das macht nichts. Dafür besitzt er neben einem Haufen guter Routen, die einen über die hin und wieder vorbeitösenden Kieslaster locker hinwegtrösten.  Mittlerweile hat sich die Aufmerksamkeit auch auf die lange vernachlässigte Ostseite verlagert, wo sich viele kletternswerte Routen in den mittleren Schwierigkeitsgraden befinden.

FÄCTS

214 Routen von 3c-8c

Fahrtzeit von Wien: 35’’

Zustieg: je nach Sektor 1” – 5’’

Führer: Robert Gruber, Thomas Behm, Lisa Fally: „Keltenkalk”, Verlag Schwanda

Andrea Maruna klettert die Finstere Kante 8b am Hochkogel, Hohe Wand.

Hohe Wand

Besser als in einen Besuch der Hohen Wand kann man 40 Autominuten nicht investieren! Knapp 1000 Routen beherbergt der acht Kilometer lange und bis zu 150 Meter hohe Kalkriegel der majestätisch über dem sanftwelligen Alpenvorland des südlichen Niederösterreichs thront und der neben einem Klettereldorado auch eines für Wanderer und Paraglider ist.

Wenn es ein Gefühl gibt, dass das Klettern an dem kompakten und lochzerfressenen Kalk der Hohen Wand einzigartig macht, dann ist es das der Weite. Auf 1000 Metern Seehöhe oben an der Kante dieses Hochplateaus austoppend, gibt es nichts, was sich dem Blick, der an klaren Tagen bis Wien reicht, entgegenstellt. Wenn an Inversionstagen im Winter das Nebelmeer das Land bis zum Horizont geflutet hat und nur vereinzelte Erhöhungen aus dem umgebenden Weiß hervorragen, hat man auf der Hohen Wand das Gefühl, sich auf einer Insel fernab von allem zu befinden. Momente wie dieser sind Balsam für die Seele! Das Gefühl friedlicher Einsamkeit ist aber noch nicht alles, was man hier heroben findet. Nicht selten kommt es vor, dass an einem sonnigen Hochwintertag an der Hohen Wand perfekte Kletterbindungen vorherrschen während unten im Nebel die Eisblumen blühen.

Apropos perfekte Bedingungen: die findet man an der Hohen Wand nicht nur im Winter. Da die Sonne sich auch beim sommerlichen Höchststand bereits um zwei Uhr aus der Südwand verabschiedet, ist es hier am Nachnmittag so gut wie selten wo.

Eines sei vorausgeschickt: Wer an der Hohen Wand klettert, tut gut daran, ein wenig deren Topographie zu studieren, denn die unzähligen Sektoren, die sich an ihrem Felsband befinden, sind nicht immer ganz leicht zu finden. Vor allem weil man zu vielen von ihnen von oben, wo einen die Mautstraße, die allerdings nur an Wochenenden kostenpflichtig ist, zusteigen muss. Neulingen kann die Orientierung leicht schwerfallen. Die Kletterhistorie der Hohen Wand reicht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück, entsprechend dicht ist das Routennetz. Ab den 1980er Jahren tummelte sich die ostösterreichische Elite an ihren Wände und hinterlies an Sektoren wie dem Hochkogel u.a. etliche der schwersten Routen des Gebiets.

Die Hohe Wand ist aber nicht nur ein Paradies für moderne Sportkletterer gehobener Grade, sie kann auch mit etlichen, etwas alpiner angehauchten Gratanstiegen sowie Klettersteigen aufwarten. An der Sonnenuhrwand findet man zudem bis zu 150 Meter hohe alpine Sportklettereien vom Feinsten.

FÄCTS

1500 Routen 3c-8c

Fahrtzeit von Wien: 45’’

Zustieg: je nach Sektor 1” – 30’’

Für die „Modernen”: Thomas Behm, Sportkletterfüher Hohe Wand – 1500 Routen von 5+ bis 10+

Für die „Traditionalisten“: Thomas Behm,  Auf Wildenauers Spuren. 750 Anstiege auf die Hohe Wand mit allen Wanderwegen, versicherten Steigen und alten, revitalisierten Kletterrouten.

Flo klettert den Spielplatz, Adlitzgräben

Adlitzgräben

„Klettern verboten!“ Es gibt wohl keinen, der sich nicht zumindest einmal über das verottete Holzschild mit der verblichenen Schrift neben dem Zustiegsweg gewundert hat. Verboten ist hier natürlich gar nichts mehr, dennoch erinnert das Schild mahnmalhaft an die nicht ganz unkomplizierten Anfangszeiten der sogenannten „Gräben“. Speziell in den Anfangzeiten gab es hier zwischen Grundbesitzern, Jägerschaft und Bohrwütigen etliche Zwistigkeiten auszufechten. Logisch, dass sich die Entdecker diesen Felsen nicht von ein paar Grundbesitzen, die glaubten, sich über das Wegerecht (Kreisky sei Dank!) hinswegsetzen zu können, streitig machen lassen wollten. Das Potential der Adlitzgräben musste sie, gelinde gesagt, vom Hocker gehaut haben. Mit knapp 200 Routen von 5c- 8c sind die Adlitzgräben bei Schottwien das an modernen Ansprüchen gemessen vermutlich beste Klettergebiet im Osten Österreichs. Man muss zwar knapp 70 Autobahnkilometer bis nach Gloggnitz und dann noch gut 15 bis kurz nach Schottwien abspulen, doch was man an Fahrzeit investieren muss, wird einem durch einen nicht vorhandenen Zustieg wieder rückvergütet. In den Adlitzgräben wurde schon vom Auto aus gesichert, was aber mittlerweile verboten ist und den Groll der ansässigen Polizei, die in solchen Fällen nicht zögert, saftige Starfmandate auszufüllen, erregt. Don’t do it!

Der Fels in den Gräben ist so gut strukturiert wie in wohl keinem anderen Gebiet um Wien. Zudem findet man hier etwas, was im niederösterreichsichen Kalk selten ist: richtig steile Touren. Da die Kombination aus Steilheit und Grossgriffigkeit mittlerweile weitaus beliebter ist als oldschooliges Minileistenfetzen in Kombination mit wackeligen Reibungstritten an eher flachen Wandpartien, sind die Adlitzgräben ganzjährig gut, an Ausnahmetagen sogar unangenehm gut frequentiert. Das liegt vor allem daran, dass es für unsere Nachbarn aus dem Norden und Osten das erste gute Sportklettergebiet ist.

Für die Gräben gilt klimatisch dasselbe wie für die Hohe Wand: Höhenlage und Schatten sorgen für akzeptable Bedingungen im Sommer, Sonne und Inversion für gute Verhältnisse in der kühlen Jahreszeit. Ein weiterer Bonuspunkt ist die Regensicherheit des Gebiets: auch wenn es wie aus Schaffeln schüttet, kann man hier in den steilen Wandbereichen gut klettern.

Die Beliebtheit der Gräben hat aber auch Nachteile und die Spuren viele Kletterer sind nicht zu übersehen: der Wald ist mancherorts gut sichtbar bedeckt von den Taschentüchern derer, die sich hier erleichterten und am Wandfuß findet man neben Tschikstummeln noch etlichen anderen Unrat. Das, sowie rücksichtsloses Parken, illegales Feuermachen usw. sorgt immer wieder für Unmut der Locals sowie der ortsansässigen Bevölkerung. Damit das Verbotsschild aus der Vergangenheit nicht irgendwann in der Zukunft Realität wird, sollten wir so sauber klettern wie nur geht.

FÄCTS

200 Routen von 5c – 8c

Fahrtzeit von Wien: 60’’

Zustieg: je nach Sektor 1” – 5’’

Führer: Robert Gruber, Thomas Behm, Lisa Fally: „Keltenkalk”, Verlag Schwanda

Höllenthal

Über die Klettergebiete rund um Wien zu schreiben ohne das Höllenthal zu erwähnen ist unmöglich. Über die Klettergebiete rund um Wien zu schreiben und das Höllenthal zu erwähnen ist aber genauso unmöglich. Sounds complicated und das ist es auch! Warum? Ganz einfach: das Höllenthal mit seinen 2000 Routen und zig Megasektoren kann man nicht einfach nur „erwähnen“. Das liegt in der Natur der Erwähnung als einer Sache, die eher nebenbei passiert. Über das Höllenthal müsste man, um ihm in seinem Facettenreichtum auch nur annähernd gerecht werden zu können, ein halbes Buch schreiben. So schauts aus! Genau das ist aber im Rahmen eines Blogs wie diesem unmöglich. Deswegen nur soviel: das Höllenthal, das sich mitten den zwei östlichsten Zweitausendern der Alpen, Schneeberg und Rax that is, befindet, ist vielleicht der extravaganteste Ort um in Ostösterreich klettern zu gehen. Das Hauptaugenmerk liegt hier zwar auf alpinen Sportklettereien mit bis zu 17 Seillängen und 500 Metern Wandhöhe, dennoch hat sich das Thal der Täler dank vielen in den letzten 15 Jahren entstandenen Gebietens zu einem Hotspot des Wiener Sportkletterns entwickelt. Dies aber nicht nur wegen dem teilweise exquisiten Fels, sondern auch weil man auch etwas findet, das im Nahbereich einer Großstadt selten ist: Wildheit, Abgeschiedenheit und pure Natur. Das Rax-Schneeberg-Gebiet mit seinen schroffen Wänden und berüchtigten Steilschrofen ist alles andere als ein nett hergetrimmter Naturpark. Genau diese Ambialenz aus Nähe und Wildheit ist es, die das Klettern im Höllenthal zu einem einzigartigen Erlebnis macht. Wer öfter ins Höllenthal fährt, der sollte sich unbedingt Thomas Behms handgeschriebenen Führer besorgen. Warum ist einfach erklärt: Die Renaissance des Thales ist keinem mehr zu verdanken als dem unermüdlichen Erschließer aus Wiener Neustadt. Er hat ihr mehr Zeit verbracht als jeder andere, er kennt diesen Ort wie seine Westentasche. Nicht nur erfährt man zwischen den Buchdeckeln einiges über die kletterische Geschichtsträchtigkeit des Thales sondern auch über die Do’s und Dont’s dieses sensiblen Ortes, der nur unter einem Problem zu leiden hat:  unsensiblen Menschen. Die paar Verhaltens-maßregeln zu beherzigen ist dringend notwendig, da das Gebiet als eines der Quellgebiete des Wiener Trinkwassers größtenteils Schutzzone ist. Hier hat das Magistrat das sagen und die sitzen leider am längeren Ast. Nicht nur ein unerlaubt erschlossenes Gebiet wurde wieder rausgeflext, nicht nur ein sturer Erschließer hat hier Anwaltsbriefe bekommen.

Wer neu im Thal ist und nicht weiß wohin, der macht keinen Fehler, das Niemandsland, Atlantis oder das Schattenreich aufzusuchen. Idealerweise im Frühjahr oder Herbst, denn da herrschen die besten Bedingungen. Im Sommer hat man zwar den Bonus, dass man an heißen Tagen nach dem Klettern in die Schwarza springen kann, allerdings auch den Malus, dass die Bedingungen ein wenig „dschungelig“ bzw. schwül-warm-feucht sind.

Eins ist gewiß: Am besten kann man die Schmankerln des Thales immer noch auskosten, wenn man sich den Führer besorgt und viel Zeit explorierend hier verbringt. Es zahlt sich aus.

FÄCTS

2000 Routen darunter viele der besten alpinen Sportklettereien rund um Wien

Fahrtzeit von Wien: 60 – 75’’

Zustieg: je nach Sektor 10’’ – 50’’

Andrea Maruna klettert Indotimes 8b+ in Niemandsland, Höllental.
Flo klettert Vegas Baby 8b in Niemandsland, Höllental.

WIENS FELSEN IM ÜBERBLICK

Übersicht über die Felsen in der Nähe von Wien.
Sector: Supercrack butress
Location: Indian Creek, Utah

Steckbrief – Flo

Alter: 39
klettert seit: einer gefühlten Ewigkeit
arbeitet: hart, aber so wenig wie möglich
mag: das draußen-Sein
mag nicht: Suderer
mag manchmal: seine Extremitäten in gemeinen Sandstein-oder Granitrissen zu verklemmen
aufgewachsen: im 3. Wiener Gemeindebezirk
kletterte: die eine oder andere 8b-Route
boulderte: im Suff um einen Wirtshaustisch und tat sich dabei weh

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