Klettern und Bouldern in Wien

Klettern mit Franz Josef und Sissi

Wien und seine Boulder- und Kletterhallen

Wer in Wien auf der Suche nach einer guten Kletterhalle ist, wird vor die Qual der Wahl gestellt. Nirgendwo in Österreich ist die Indoor-Landschaft reichhaltiger als in der Bundeshauptstadt. Alle Hallen, die großen, die kleinen, die winzigen, mit eingerechnet kommt man auf gut 15 Stück. Die must-visits Wiens stellen wir euch im Folgenden vor.

BOULDERBAR WIEN

Genau genommen lässt sich die Geschichte der Boulderhallen in Wien in zwei Perioden teilen: Klassik und Moderne, beziehungsweise die Zeit vor der Boulderbar und die Zeit danach.

Jahrzehntelang war die Hallenlandschaft in Wien von den Vereinshallen des Alpen- und des Gebirgsvereins dominiert. Private Betreiber, die versuchten diese Dominanz zu brechen, scheiterten am nötigen Kleingeld, einem ausgeklügelten Konzept oder an einem zentralen Standort. Die Eröffnung der Boulderbar war in dieser Hinsicht eine kleine Revolution. In Wien war sie die erste Halle, die den Schritt aus den Kellergewölben und Altbauwohnungen der Vereinslokalitäten in die Moderne schaffte und – das muss der Fairness halber gesagt werden – ein Konzept nach Österreich brachte, das im Nachbarland Deutschland schon seit Jahren erfolgreich reüssiert hatte.

Who cares, Wien ist anders!, und die Boulderbar war Wasser für alle, die es nach einem modernen Kletterhallenkonzept dürstete: Eine großzügig dimensionierte, helle Halle voll mit farbreinen Bouldern in meist moderaten Schwierigkeitsgraden und obendrein ein gemütlicher Barbereich, wo man sich dem Après Climb mit allem Drum und Dran – selbst gemachtem Kuchen (yummi!) oder Craft-Beer namens „Hopfenauflauf“ aus den Kesseln der Wiener Mikrobrauerei „Brew Age“ (sehr zu empfehlen!) – in maßlosem Überschwang hingeben kann.

Die Boulderbar entwickelte sich mit Lichtgeschwindigkeit zu einem Hotspot der attraktiven urbanen PlastikjüngerInnen und begann schon bald aus allen Nähten zu platzen. Die Betreiber reagierten, sobald ihnen die räumlichen Möglichkeiten dazu geboten wurden, mieteten die Nachbarhalle dazu und vergrößerten die Boulderbar um fast 100 Prozent. Nice try, aber dem Ansturm konnten sie damit trotzdem nicht Herr werden – die Halle ist voll wie eh und je! Zu Stoßzeiten hat man selten einen Boulder für sich allein, dafür entwickelt sich in diesen dichten Stunden eine Dynamik, die ungeahnte Kräfte und Skills freisetzt. Wer es ruhig und kontemplativ schätzt, dem seien die Vormittags- und frühen Nachmittagsstunden für einen Besuch zu empfehlen. Nicht empfohlen ist die Anreise mit dem Auto, denn die Parkplätze sind limitiert. Aber hey, wer fährt in Wien schon mit dem Auto?

PS:
Mittlerweile hat die Boulderbar eine Dependance im 11. Bezirk eröffnet. Etwas kleiner als die Basis, aber um nichts weniger feiner. Eines hat sie dem Standort in der Hannoveranergasse voraus: Es dürfte dort (noch) etwas ruhiger zugehen.

FÄCTS BOULDERBAR

Boulderbar I
Hannovergasse 21, 1200 Wien
Grundfläche: 800 m²
Kletterfläche: 1300 m²
davon outdoor: 120 m²
Trainingsbereich, Bar, Lounge

Boulderbar II
Gutheil Schoder Gasse 8-12, 1100 Wien
Kletterfläche: 1100 m²
Trainingsbereich, Bar, Lounge

BLOCKFABRIK

Der jüngste Player auf der Bühne der Wiener Boulderhallen ist die Blockfabrik, die am 8. August ihr Industrietor öffnete. Den Gründervätern bzw. Gründerbrüdern Christian und Simon Götting war klar: „Diese Halle muss etwas Besonderes werden und soll neue Maßstäbe im Bouldersport setzen.“ So schrieben sie’s in ihre Statuten. Schön und gut, aber Wien hat schon eine mega erfolgreiche Boulderhalle (die Boulderbar, die es neben Wien auch in Salzburg gibt), und deren Macher hatten die letzten Jahre auch nicht Daumen gedreht. Die Latte war also entsprechend hochgelegt. Dass die Blockfabrik diese jedoch mit Grandezza überspringt, merkt man noch bevor man eingetreten ist. Schon die Location ist 1A.

Wie die Göttinger-Brothers an diese Halle kamen, lässt sich wohl nur mit göttlicher Intervention erklären. Wie sonst soll man ein Schmuckstück von Halle mitten im dicht besiedelten fünften Bezirk ergattern? Womöglich war es aber gar nicht Gott, der intervenierte, sondern der Teufel, dem die Brüder ihre Seelen verkauften? Den BoulderInnen wird es egal sein, denn einen solchen Pakt war der Standort allemal wert! Solange nicht irgendwer im Stephansdom eine Boulderhalle (Namensvorschlag: Boulderdom) installiert, ist der Blockfabrik der Titel „Zentralst gelegene Boulderhalle Wiens“ sicher. Dass es sich dabei nicht nur um einen wertlosen Superlativ handelt, ist glasklar. Hier, mitten im fünften Wiener Gemeindebezirk, pulsiert das urbane Leben. Nach dem Bouldern kann man in zwei Schritten in etlichen der besten Wiener Lokale (Silberwirt, Zweitbester, Weinschenke usw.) die leeren Akkus wieder auffüllen, um sich dann erneut zwei Schritte weiter in einer der Bars oder einem der Clubs (heißer Tipp: Schikaneder) die Nacht um die Ohren zu tanzen.
Die Blockfabrik ist nicht nur außen hui, sondern auch innen ein Augenschmaus. Das Overall-Design wurde hier nicht an den billigsten Bieter ausgelagert, sondern von den Brüdern selbst übernommen: Von der Gestaltung des Wandbildes bis hin zum Bau von Garderobe und Bistro: Überall hatten sie ihre gelernten Tischlerfinger im Spiel. Diese Liebe zum Detail sieht man. Die Halle ist hoch und hell, die Matten schallabsorbierend und so bleibt es in der räumlich großzügigen Blockfabrik trotz immer größer werdendem Andrang ruhig und feinstaubtechnisch unbedenklich. Auch in Sachen Griffen geht es edel zu: nur die feinsten Shapes finden sich hier an den Wänden. Oberhalb der Boulderwände wurde im ersten Stock ein nicer Trainingsbereich eingerichtet. Das fetteste Campusboard Wiens hängt hier!
Kein Zweifel, die Blockfabrik gehört zu den edelsten Hallen in Wien. Wer gut bouldern möchte, hier an ihr nicht vorbei.

FÄCTS BLOCKFABRIK

Schloßgasse 10-12, 1050 Wien
www.blockfabrik.at
www.facebook.com/Blockfabrik/

KLETTERHALLE WIEN

Kletterhallen mit Boulderbereich sind immer ein Kompromiss. Egal, was dir die Marketingabteilung weißmachen will, die Schimäre der eierlegenden Wollmilchsau – der Halle, die alles gleichzeitig und gleich gut kann – ist und bleibt ein Mythos. Es gilt: entweder oder.
Wenn es Wien jedoch einen Kletterort gibt, der diesem Mythos in der Realität näherkommt als jeder andere, dann ist es die Kletterhalle Wien.
Im Gegensatz zu topografisch zentral gelegenen Hallen muss sich die im vergleichsweise weitläufigen Transdanubien (= Lokaljargon für die flächenmäßig größten Bezirke 21 und 22, die jenseits der Donau liegen) befindende Kletterhalle Wien, kurz: KHW, platzmäßig nicht zurückhalten. Das tut sie auch nicht, und so lässt die schiere Dimension von Gebäude und Areal jede andere Halle Wiens bescheiden wirken. Groß ist die Kletterhalle Wien nicht nur in puncto Routenangebot – über 350 davon finden sich hier – sondern auch was ihre Boulder- und Wandvielfalt betrifft. Nicht umsonst war sie der Austragungsort dreier Boulderweltcups – und die finden bekanntlich nicht auf irgendeiner Micky-Maus-Wand statt.
Auch wenn der Innenbereich zum Bouldern einlädt und mit einer GFK-Halbkugel über ein Feature verfügt, das in Wien einzigartig ist, sind Flair und Atmosphäre nicht mit einem speziell fürs Bouldern ausgelegten Raumkonzept vergleichen. Klettern lässt sich aber dennoch bestens, und was die Qualität der Boulder betrifft, kann die KHW locker mit den spezialisierten Hallen mithalten. Schließlich schrauben hier die am längsten dienenden Routensetzer Wiens, und einige davon können gar auf Weltcuperfahrung zurückblicken.
Der wahre Joker der KHW befindet sich aber außerhalb ihrer vier Wände: Die am großflächigen Freigelände errichtete (überdachte) Weltcupwand, die mit einer Länge von 27 Metern und einer Höhe von 4,5 Metern alle Boulderstücke spielt.
Wenn sommers in den Hallen der Stadt die Temperaturen unerträglich werden und die Chalk-Schweiß-Sauce wie Schmieröl vom Körper tropft, findet man im Außenbereich an dieser Wand speziell am schattigen Vormittag ideale Temperaturen und oft eine kühle Brise vor. Zum Entspannen zwischen den Bouldern kann man eine Runde auf Slackline-Parcours drehen oder auf der Wiese sonnenbaden. Apropos baden: keine 500 Meter entfernt lädt die Alte Donau, ein Seitengewässer des Hauptstromes, zu einem Sprung ins kühlende Nass ein. Kühl ist es auch in der Halle selbst: die KHW besitzt als einzige Halle eine perfekt funktionierende Klimaanlage, weswegen sich der zum Klettern angenehmste Ort im Sommer genau hier befindet.

FÄCTS KLETTERHALLE WIEN

Erzherzog-Karl Straße 108, 1220 Wien
www.kletterhallewien.at

INNENBEREICH
Grundfläche: 1.200m²
Boulderfläche: 400 m²
Seilkletterfläche: 2.300 m² auf 16 Metern Höhe
Vorstieg, Toprope & Toppas, Trainingsbereich, Boulderbereich, Snack-Bar

AUSSENBEREICH
Grundfläche: 3.000 m²
Boulderfläche: 300 m²
Weltcup-Boulderwand, Natursteine, freistehender Block mit Kinder- und Parcours-Bouldern, Slackline Park, Relax-Zonen, Sandkiste für Kinder

KLETTERHALLE MARSWIESE

Versteckt in den grünen Hügeln des 17. Bezirks befindet sich die Kletterhalle Marswiese. Wer topografisch gesehen „in“ der Stadt klettern will und gleichzeitig das Gefühl haben möchte, weit weg von ihr zu sein, der sollte der Einladung „Climb on Mars“ – so der Werbeslogan – Folge zu leisten. Über den Dächern Wiens und mitten im Wald fühlt man sich tatsächlich wie auf einem anderen Planeten.
Die Marswiese kann aber mit mehr aufwarten als nur mit einer exquisiten Lage: 1674m² Kletterfläche mit 300 Routen sowie 543m² Boulderfläche mit ca. 100 Bouldern befinden sich in der ehemaligen mittlerweile aufgestockten Tennishalle. Mit diesen Gardemaßen ist die Marswiese die zweitgrößte Kletterhalle Wiens, interessanterweise bekommt man aber nicht den Eindruck sich mitten in einem gewaltigen Sportzentrum zu befinden. Das liegt vor allem an der Atmosphäre, die hier einige Besonderheiten aufweist. Zum Ersten ist es bis auf einige Ausnahmen nie so voll, dass man nach der Aufwärmroute das Weite suchen möchte. Und wenn es an einem verregneten Wochenende am Mars doch mal „ein bissl zugeht“, dann hat man nicht das Gefühl, dass es unangenehm ist. Das liegt nicht zuletzt an der Akustik, die sich in einer Halle voll mit kletternden Menschen leicht zum Spoiler entwicklen kann. Unangenehmen Beigeräuschen des Kletterns bietet man hier dank eines speziellen Bodens überzeugend Einhalt. Auch sonst ist alles sauber, herzeigbar und auf Wohlfühlen ausgelegt. Wie die Betreiber-Crew das hinkriegt, bleibt ihr Geheimnis, aber das macht nichts – schließlich muss man nicht alles wissen, Hauptsache man kann entspannt klettern gehen. Das fällt einem am Mars leicht!

FÄCTS KLETTERHALLE MARSWIESE

Neuwaldegger Straße 57A, 1170 Wien
www.climbonmarswiese.at

INNENBEREICH
Seilkletterfläche: 1674 m² mit ca. 300 Routen
Boulderfläche: 543 m² mit ca. 100 Bouldern
Vorstieg, Toprope & Toppas, Trainingsbereich, Boulderbereich, Snack-Bar

The happy rest

Natürlich gibt es auch noch andere Hallen die nicht ungenannt bleiben wollen, anbei eine kurze Liste.

ÖTK Kletterhalle Wien
Bäckerstraße 16, 1010 Wien
950 m² Kletterfläche
ÖTK Kletterhalle Wien

Alpenverein Edelweiss
Walfischgasse 12, 1010 Wien
1.000 m² Kletterfläche
Trainingsbereich, Systemboards, Campusboard, Hangelleiter, Sprossenwände
Edelweiss Center

Alpenverein Austria
Rotenturmstraße 14, 1010 Wien
160m² Kletterfläche
Alpenverein Austria

ÖGV Kletterzentrum
Lerchenfelder Straße 28, 1080 Wien
300 m² Kletterfläche
Systemboards, Campusboard, Hangelleiter, Sprossenwände
ÖGV Kletterzentrum

N17 Neuwaldegg
Neuwaldeggerstraße 33, 1170 Wien
300 m² Kletterfläche
Strukturwand, Systemwand, Hamsterrad, Toppas
N17 Neuwaldegg

Sector: Supercrack butress
Location: Indian Creek, Utah

Steckbrief – Flo

Alter: 39
klettert seit: einer gefühlten Ewigkeit
arbeitet: hart, aber so wenig wie möglich
mag: das draußen-Sein
mag nicht: Suderer
mag manchmal: seine Extremitäten in gemeinen Sandstein-oder Granitrissen zu verklemmen
aufgewachsen: im 3. Wiener Gemeindebezirk
kletterte: die eine oder andere 8b-Route
boulderte: im Suff um einen Wirtshaustisch und tat sich dabei weh

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