Klettern in der Türkei

Geyikbayiri – Die orientalische Kletterperle

Ein Dezember Klettertrip

Der Herbst ist in unserer Heimat Rosenheim eingezogen. Uns wurde klar, dass nun die warmen Tage daheim vorbei waren. Daher beschlossen wir einen Winter-Klettertrip um die Weihnachtszeit zu planen, um dem Winter für kurze Zeit zu entfliehen. Kurzerhand haben wir uns die Woche vor den Feiertagen frei genommen. Es musste nur noch das passende Klettergebiet gefunden werden. Trips in die Ferne wie z.B. Thailand waren uns für nur eine Woche zu weit – es sollte ein europäisches Reiseziel sein. Ein bisschen stöbern im Internet lieferte eine super Auswahl. Mit dabei waren Siurana & Margalef, Leonidio, Sperlonga, El Chorro und eben Geyikbayiri. Die Fotos von Geyikbayiri und Leonidio haben es uns am meisten angetan. Zweites Kriterium war, dass die Reisekosten nicht die Urlaubskasse sprengen. Flüge München – Antalya, waren äußerst günstig und pro Person kamen wir unter 200€ für den Flug weg. Außerdem reizte uns der orientalische Flair der Türkei, in der wir beide noch nicht waren. Etwas zögernd waren wir dennoch, was die Reisesicherheit anging und waren zunächst skeptisch, ob man wieder bedenkenlos in die Türkei reisen kann. Nach etwas Recherche waren die Bedenken aber ausgeräumt.
Kurzerhand wurde der Kletterführer bestellt. Ich persönlich bestelle die meisten Führer vorab, um mir die Routen und Wände schmackhaft zu machen. Wer den Führer lokal kaufen möchte kann dies im Klettercamp Jo.Si.To machen. Was der Führer schon einmal vorab vom Klettergebiet preisgab:

  • Einen Haufen südseitiger Wände (ca. 80% der Wände sind sonnenseitig ausgerichtet)
  • Sinterkletterei ohne Ende, aber auch ein paar kompakte Wände
  • Lange Routen in gelbem und orangem Kalkfelsen (25 – 40m)
  • Wände mit einer hohen Breite an Schwierigkeitsgraden. Hier kommt jeder auf seine Kosten.

Unterkunft und Nightlife in Antalya

Die meisten Kletterer bringen Geyikbayiri mit dem Klettercamp Jo.Si.To in Verbindung. Die Gründer des Camps sind auch die Erschließer des Klettergebietes Geyikbayiri. Durch das Camp entwickelte sich das Klettergebiet. Mittlerweile gibt es aber mehrere Camps am Ort, von denen aus man zu Fuß alle Klettergebiete erreichen kann. Die Camps bieten einen Flughafentransfer an was bedeutet, dass man sich einen Leihwagen sparen könnte. Wer im Winter nach Geyikbayiri zum Klettern fährt muss sich aber darauf einstellen, dass es in der Nacht bitter kalt wird (Null Grad und auch etwas kälter).

Daher haben wir uns für eine andere Alternative entschieden. Das Klettergebiet von Geyikbayiri liegt nur 45 Minuten mit dem Auto vom Stadtzentrum von Antalya entfernt. Hier gibt es zahlreiche kleine Hotels, die in der Winterzeit nie ausgebucht sind (entsprechend niedrig sind auch die Preise). Wir haben wirklich ein wahnsinnig gemütliches Hotel im Stadteil Kaleici (das White Garden Hotel) erwischt, was den Urlaub definitiv richtig aufgewertet hat. Kaleici ist die Altstadt von Antalya mit hunderten von kleinen Gassen und alten Gebäuden, sogar die ein oder andere Sehenswürdigkeit lässt sich zwischen den vielen Restaurants, Bars und Cafe´s finden.

Die Gassen von Kaleici

Essen darf nie fehlen.

Unser Hotel: White Garden

Ratgeber

Hier ein paar Pro’s und Con’s, sich für ein Hotel in Verbindung mit der kurzen Autofahrt zu entscheiden:

Pro’s:

  • Man kann das Klettern mit ein wenig ‚Dolce Vita’ verbinden. Im Stadteil Kaleici gibt es unzählige Bars und Restaurants. Hier kann man es sich nach dem Klettern wirklich richtig gut gehen lassen und das Feierabend-Bier richtig genießen ohne noch hinters Steuer zu müssen. Von typischen türkischen Restaurants bis hin zu englischen Pubs – hier bleibt kein Wunsch offen.
  • Das Hotel bietet eine heiße Dusche ohne einen Mangel an Warmwasser zu Stoßzeiten und ein eigenes Badezimmer. Nach einem Klettertag verbunden mit kalten Außentemperaturen am Abend ist das wirklich eine Bereicherung.
  • Der Rest – Day lässt sich super gemütlich am Kamin verbringen oder damit durch die Gassen des Stadtteils schlendern und dies ggf. mit einem kleinen Rest-Day Drink verbinden 😉
  • Es gibt ein wahnsinnig tolles Frühstück mit Früchten, Oliven, Brot, Honig, Marmelade und noch vielen mehreren Leckereien (im White Garden im Winter traditionell türkisch, im Sommer dann Continental).
  • Preislich war das Hotel zu unserer Reisezeit sogar günstiger als das Camp.
  • Die Gastfreundschaft der Hotelbesitzer war der absolute Wahnsinn.

Con’s:

  • Klar, man muss die 45-minütige Fahrt Hin und zurück auf sich nehmen. An den türkischen Verkehr muss man sich etwas anpassen, mit einem Quäntchen Rallye Fahrer Genen im Blut ist das aber kein Problem 🙂
  • Man benötigt einen Mietwagen (Flughafentransfer zum Camp gegengerechnet, kommt der Mietwagen etwa auf die gleichen Kosten)
  • In Kaleici trifft man normalerweise keine Kletterer. Wenn man sich also am Abend mit der Kletter – Community austauschen möchte ist man besser im Camp aufgehoben. Falls man möchte kann man aber auch den Abend zum Essen und ein bisschen Ratschen auch im Camp verbringen (zum Essen dort benötigt man eine Vorbestellung).

Das Klettergebiet Geyikbayiri

Nach Geyikbayiri führt eine kleine Bergstrasse, die aber wirklich sehr komfortabel zu befahren ist. Ein paar Kehren vorbei an Orangen- und Zitronenplantagen führt zum Klettergebiet – bzw. in das kleine Dörfchen hinauf.

Sektor Sarkit – leider bei Regen

Tag 1 und 2 Regen

Regen, Regen, Regen waren die Stichworte der ersten beiden Tage. Was uns auch ehrlich gesagt die Laune etwas vermieste. Wir beschlossen trotzdem nach Geyikbayiri hochzufahren und einmal die Lage zu checken und uns für den kommenden Tag gleich ein passendes Gebiet auszusuchen. Von der Straße aus kann man den Sektor Sarkit und die meisten anderen direkt einsehen. Direkt überzeugt von dem was wir aus dem trockenen Auto heraus sahen, entschieden wir uns dafür am nächsten Tag im Sektor Anatolia zu verbringen. Alle Wände die wir hier begutachten konnten, boten perfekte Felsqualität und hatten eine angenehme Länge – Sinterfahnen und Wandkletterei, technisch oder kräftig, für jeden ist etwas dabei. Außer die doch schwarzen Wasserstreifen, die sich nass und schmierig in regelmäßigen Abständen über die Wände zogen, hat uns das Gesehene schon einmal richtig Lust auf Klettern gemacht.

Und hier kamen nun die Vorteile unserer Hotel-Unterkunft in Antalya voll zum Tragen. Wir beschlossen den zweiten Regentag gemütlich unserer Unterkunft zu verbringen und die Zeit konstruktiv zu nutzen – Max mit seiner Masterarbeit und Ela mit einem guten Buch. Im Dezember muss man hier doch mit dem ein oder andren Regentag rechnen, an diesen Tagen ist dann das Klettern nur eingeschränkt möglich ist. Es gibt zwei Sektoren, in denen auch bei Regen ein paar Routen trocken bleiben – die Cave im Sektor Sarkit und Trabenna. Unser Tipp ist daher ein paar Tage mehr einzuplanen, dann fällt ein Regentag nicht so sehr ins Gewicht und im Regelfall trocknen die Wände ziemlich schnell, also ein halber Tag mit etwas Sonne und Wind ist unserem Wissen nach ausreichend.

So sieht Sarkit aus, wenn es nicht regnet

Tag 3 Anatolia

Die Sonne zeigt sich wieder – kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Angenehme 10 Grad in der Früh sorgen für beste Laune und Motivation fürs Klettern. Wir haben uns das Gebiet Anatolia als ‚Warm Up’ ausgesucht. Zustieg 5 Minuten, was vor allem Ela recht freute, die weite Zustiege gar nicht mag :-). Der Sektor bietet alle Schwierigkeitsgrade und ‚Styles’ von Sinter- bis Wandkletterei in rotem bis grauen Fels. Unter anderem auch den 8a+ Geyikbayiri Klassiger ‚Turkish Airways’. Die nassen Bahnen, von Tag 1 sind erstaunlich schnell abgetrocknet. Ein paar Sinterrouten waren noch nass. Die Wandklettereien aber waren schon wieder super trocken und wir haben uns eine schöne 6c+ (Anatolian Highway) ausgesucht – für Ela die erste 6c+ im Flash. Chapeau – das war schon einmal ein guter Auftakt.

Neben uns hat sich ein schwedisches Pärchen eine der Äufwärmrouten, eine schöne 5er ausgesucht (Eva und Kenny). Was sehr cool war – wir kamen in Kontakt (dank einer verratschten Ela) und letztlich haben wir die drei verbleibenden Urlaubstage gemeinsam mit Klettern und Freizeit verbracht. Inklusive einem Bar Abend in Antalya. Wir haben die Kletterer, die in Geyikbayiri unterwegs waren als sehr offen und angenehm wahrgenommen, was nicht in allen Orten der Fall war in denen wir bisher Kletterurlaube verbracht haben :-).

Tag 4 Magara Cave

Am zweiten Klettertag besuchten wir auf Empfehlung von Freunden hin das Gebiet ‚Magara Cave’. In einer markanten Höhle verlaufen einige henkelige und sehr athletische Touren. Hier kommt richtiges Urlaubs- Kletterfeeling auf. Solche Kletterei findet man Zuhause nicht. Man muss nicht zwangsläufig schwer klettern können um in der Cave seinen Spaß zu haben. Eine 6a und eine 6b verlaufen direkt in der Höhle, die auch bei Regen trocken bleiben. Neben der Höhle verlaufen ein paar steile und lange, ebenso recht athletische schwere Routen. Ela konnte mit einer Ihrer ersten 7a’s ‚Ten Years Anniversary’ punkten. Super. Max hat sich eine feine 7b+ geholt.

Alle Routen waren wieder komplett abgetrocknet. Wir konnten in der Sonne im T-Shirt klettern und sichern – ziemlich cool für einen Dezember Trip. Für wirkliches ‚Hard Moven’ wahrscheinlich schon einen Tick zu warm. Auch die Landschaft rund um das Klettergebiet ist schön anzusehen. Gerade nach einem verregneten und grauen November in Deutschland tun die grünen und nur teilweise mit Schnee ´bezuckerten´ Berge und in der anderen Richtung das Meer im Hintergrund wirklich gut. Man hat immer einen Blick auf einen Gebirgszug des Taurus Gebirge. Unsere neuen schwedischen Freunde wollten eine Trecking Tour in der Region unternehmen. Wer also mehrere Aktivitäten und Erlebnisse miteinander verbinden möchte kommt in Geyikbayiri auch voll auf seine Kosten :-).

Ela in Ten Years Anniversary (7a)

Max in Sabotay (7b+)

Tag 5 Alabalik Balkon

Der Zustieg zum Sektor Alabalik startet an einem kleinen Bachlauf – an diesem liegen auch die Sektoren, was sehr angenehm war, da der Bach etwas Kälte strahlt. Es war in der Sonne wirklich zu heiß zum Klettern. Auch hier überraschte uns wieder das Spektrum an Routen. Von super easy bis zu überhängend anspruchsvollen 8a’s war alles dabei und wir konnten einen weiteren wirklich entspannten und erfolgreichen Klettertag zusammen verbringen.

Einer der Sektoren von Alabalik

Equipment

Die Routen in Geyikbayiri sind ausgezeichnet abgesichert. Hier muss sich niemand fürchten, die Qualität der Bohrhaken und Umlenker ist ausgezeichnet. Die Hakenabstände waren in den Touren, die wir geklettert sind stets komfortabel. Hier zeigt sich die Arbeit der Jo.Si.To Gründer und Betreiber, die sich wohl um das Klettergebiet kümmern. Daher müssen ausreichend Expressschlingen mit ins Gepäck. Mit einem 70m Seil kann man die meisten Routen klettern. Die Zustiege sind meist kurz (maximal 15 Minuten) und führen über kleine gut zu findende Pfade zum Fels. Leichte Zustiegsschuhe sind völlig ausreichend, wir hatten nur Turnschuhe im Gepäck und auch diese haben uns überall problemlos hingebracht. Unsere Daunenjacken hatten wir mit im Gepäck, was sich als sehr nützlich erwiesen hat. Auch wenn in der Sonne T-Shirt und kurze Hose Temperatur vorherrschte – war diese einmal verschwunden wurde es wirklich frisch.

Fazit

Geyikbayiri können wir für einen Trip im Winter wirklich besten Wissens und Gewissens weiterempfehlen. Abgesehen von den zwei Regentagen waren die Bedingungen um diese Jahreszeit perfekt. In der Sonne sogar etwas zu heiß zum Klettern. Um die Vitamin D Speicher für den Winter aufzufüllen aber definitiv ein perfektes Ziel. Auch das Flair rundherum hat uns wahnsinnig gut gefallen. Vom türkischen Tee über die Orangenverkäufer an jeder Ecke bis zur Schafsherde, die auf dem Weg ins Klettergebiet, begleitet von Hunden und einer alten Hirtin, einfach die Straße kreuzt. Beim Klettern kommt jeder auf seine Kosten, egal ob Profi oder Anfänger. Oft ist sogar ein breites Spektrum an Schwierigkeitsgraden an einem Sektor zu finden. Dies macht es für den Warm-Up perfekt oder für Gruppen mit unterschiedlichem Spektrum.

Ein bisschen Anpassungsfähigkeit und Offenheit gegenüber der türkischen Kultur sollte man unbedingt mitbringen. Vor der Reise kann man im Zweifelsfall die Reisesicherheit etwas im Auge behalten und sich über die aktuelle Lage in der Türkei informieren.

Eure Ela & Max

Ela an der Wand

Steckbrief: Ela

Jahrgang: 1994
klettert seit: 2015
arbeitet: Immobilienkauffrau
mag: bunte Klamotten
mag nicht: schlechten Aperol, Stinkefüße
mag manchmal: Lesen, blöd daherreden
aufgewachsen: in Eggstätt am Chiemsee und wohnt dort auch
kletterte: 7a
boulderte: 7A+

Max beim Abhängen

Steckbrief: Max

Jahrgang: 1989
klettert seit: 2005
arbeitet: ambitioniert und lt. Ela viel zu viel
mag: Klettern, gutes Essen
mag nicht: sich beim Sichern daheim den Arsch abzufrieren
mag manchmal: ein bisschen Faulenzen schadet nicht…
aufgewachsen: in Mühldorf am Inn, und wohnt seit dem Studium in Rosenheim
kletterte: solide 7b+ und manchmal strengt er sich ein bisschen an
boulderte: 7B+

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