How to: Magic Wood

Bouldern in der Schweiz

Magic Wood ist ein kleiner Wald im pittoresken Averstal, am Fuße des Schweizer Dorfes Ausserferrera. Am südlichen Ende von Graubünden gelegen, ist es eine 3 Stunden Fahrt von München (je nachdem wie schnell man auf der Autobahn unterwegs sein mag), oder 2 Stunden von entweder Zürich oder Mailand. Das Gebiet selbst ist einigermaßen isoliert; Ausserferrera ist winzig und es gibt keine größeren Städte in der unmittelbaren Umgebung.
Man betritt den Wald über eine von zwei Brücken, welche die Straße auf der einen Seite des Flusses, mit den Wegen des Waldes auf der anderen Seite verbindet. Das Gebiet erstreckt sich am Fluss entlang, von Brücke zu Brücke, für etwa 500m. Vom Flussbett verlaufen Waldwege für 300m den Hügel hinauf, wo sich die letzten Blöcke befinden.

Wie die meisten Kletterer heutzutage habe ich auch in der Halle angefangen zu klettern. Als Hamburger waren meine Optionen was hochwertige Klettergebiete in der unmittelbaren Umgebung angeht einigermaßen begrenzt. Meinen ersten Felskontakt hatte ich im Schwedischen Kjugekull (circa 6 Stunden von Hamburg). Für meinen zweiten Trip hat es mich vor circa 6 Jahren zum ersten Mal nach Magic Wood verschlagen. Es gefiel mir so gut, dass schnell der zweite und dritte Besuch folgte. Und obwohl es in Europa diverse andere großartige Gebiete zum Bouldern gibt, viel die Entscheidung ein viertes Mal nach Magic Wood zu fahren sehr einfach – es ist einfach unglaublich gut.

Aber warum so oft an den gleichen Ort fahren? Es gibt einige Dinge die Magic Wood besonders machen, und für den Ruf als eines der besten Bouldergebiete weltweit verantwortlich sind:

  1. Das Gebiet ist unglaublich konzentriert. Laut 27Crags gibt es momentan 1087 Boulder, alle in bequemer zu Fuß Entfernung von einer der beiden Brücken. Zudem sind 10% aller Boulder vom Grad her 8a oder schwerer. Das Gebiet ist so kompakt, dass in einem der Sektoren (der Darkness Cave), drei 8c Boulder, drei 8b+ und zwei 8b Boulder direkt nebeneinander liegen. Das ist so weltweit einzigartig.
  2. Das Gebiet könnte nicht einfacher zu erreichen sein. Die 2 Stunden Fahrt vom nächsten Flughafen (ZRH oder MXP) vergeht schnell. Sollte kein Auto zur Verfügung stehen ist der PostBus, welcher direkt am Eingang zum Wald hält, einigermaßen erschwinglich. Und sobald man im Gebiet angekommen ist, ist keine Auto nötig um zu den Bouldern zu kommen.
  3. Es ist wunderschön! Der Name Magic Wood hat nichts mit Betäubungsmitteln zu tun (nein, wirklich!). Der Wald ist einfach “magisch” und hat seinen Namen mehr als verdient.

Was Übernachtungsmöglichkeiten angeht, entscheiden sich die meisten Kletterer dafür auf dem Campingplatz an der unteren Brücke zu bleiben, was den “Zustieg” zum Gebiet auf einen circa zwei minütigen Gehweg reduziert. Der Campingplatz ist gemütlich und voll von interessanten (und unglaublich starken) Leuten, so dass man auch prima alleine hier bleiben kann, ohne einsam zu sein. Seit diesem Jahr gibt es auch endlich vernünftige Sanitäranlagen, inklusive Duschen und Toiletten (alle die in den letzten Jahren dort waren wissen, dass dies bei weitem nicht selbstverständlich ist). Alternativ gibt es ein Gasthaus und Hostel in Ausserferrera, welches ein paar Minuten mit dem Auto den Berg hoch, neben der oberen Brücke liegt. Im Gasthaus gibt es zudem eine Lounge mit WLAN, sowie ein Restaurant.

Obwohl fast jeder direkt bei einem der beiden erwähnten Orte übernachtet – hauptsächlich weil der Zugang zum Gebiet so einfach ist – habe ich mich dieses Mal entschieden eine Alternative zu finden. Nach einigem suchen bin ich auf das Chalet Nidus Montis gestoßen. Eine Viertelstunde vom Gebiet entfernt und mit Platz für 12 Leute war es perfekt für uns. Das Haus hat ein unglaubliches Wohnzimmer, Garten und Terrasse, sowie ein separates Apartment im Erdgeschoss.

Das Chalet und die Crew

Unsere Gruppe bestand aus fast einem dutzend Leuten, angereist aus London, München, Hamburg und Zürich. Von Medizin- und Physik-Studenten bis zu Kletterhallen-Besitzern und Software-Entwicklern war in unserem bunten Haufen alles dabei. Mit so einer Mischung an Leuten ist es nicht nur ungewiss ob sich alle persönlich verstehen, sondern auch ob die Gruppe vom Kletterniveau her gut zusammen passt. Letzteres ist wichtig, da es schnell langweilig werden kann wenn eine Person signifikant stärker oder schwächer als der Rest der Gruppe ist. Wir hatten jedoch eine gute Verteilung, mit Frederic auf circa 7a, Chris Muench bei circa 8a+/b und den anderen, mich eingeschlossen, irgendwo dazwischen.

Es ist zudem wichtig zu erwähnen, dass Magic Wood, anders als beispielsweise Fontainebleau oder Albarracin, nicht sonderlich angenehm ist für Anfänger. Jeder der nicht zumindest 7a Boulder klettern oder projektieren kann, hat in anderen Gebieten vermutlich mehr Spaß. Zudem ist der Kletterstil in Magic Wood eher kräftig und nicht ansatzweise so technisch wie das delikate Reibungsschieben in Bleau. Dementsprechend ist es perfekt für ehrgeizige Hallenkinder die nach dem ersten Felskontakt suchen.

Henry hangelt am Enterprise Block (Video)

Obwohl es einige Ausdauerboulder gibt (zum Beispiel U-Boot), bestehen erstaunlich viele Boulder nur aus einem bis drei Zügen. Ein gutes Beispiel ist Muttertag, ein 8a Ein-Zug-Boulder, sowie Mystic Stylez, der Sitzstart zu Muttertag, welcher den Boulder um zwei Züge ergänzt und somit zu 8b+ aufwertet. Insgesamt sind die Boulder sehr kräftig, mit guten Griffen, die dazu neigen in die komplett falsche Richtung gedreht zu sein und somit schwerer sind als man zunächst oft erwarten würde. Viele Boulder involvieren zudem kräftige Sprünge oder Hangelzüge.

Am ersten Tag probierten Chris und ich Foxy Lady (8a), Voigas und High Spirits (beide 8a+), sowie Jack’s Broken Heart (8a+). Chris wollte vor allem Foxy Lady bezwingen, eine Linie mit winzigen Leisten die viel Körperspannung und Flexibilität erfordert. Während er den Boulder in der ersten Session schnell ausbouldern konnte, scheiterte ich am ersten Zug. Obwohl wir in unserer ersten Session nichts durchsteigen konnten, haben wir am nächsten Tag definitiv unsere Schultern spüren können. Aufgrund der Hitze – außerhalb des Waldes war es ungefähr 25° bis 30° Grad warm – kletterten wir die härteren Boulder ausschließlich am morgen, und widmeten uns den Rest des Tages den etwas leichteren, weniger reibungsabhängigen Bouldern. Ein paar Tage später sind wir also frühmorgens zurück zu Foxy Lady, und Chris stieg den Boulder bei kühleren Temperaturen schnell durch. Währenddessen gelang es mir alle Züge auszubouldern, nachdem ich lange an den scharfen Leisten des vorletzten Zuges gescheitert war. In der Zwischenzeit probierte Chris direkt unterhalb von Foxy Lady einen neuen Boulder, und schaffte es ebenaflls Rhythmo (7c+) durchzusteigen.

Lilly und Chris schauen zu, während Henry den kräftigen ersten Zug von Foxy Lady probiert

Während Chris und ich mit Foxy Lady beschäftigt waren, probierten Frederic und Salman Wonderboy, welcher an einer Reihe von Henkeln auf der linken Seite von Foxy Lady beginnt, und in einem etwas gruseligen Mantle endet. Obwohl es im Führer “nur” 5b bewertet ist, ist der Boulder auch für erfahrene Kletterer nicht ohne. Nach kurzer Zeit standen beide glücklich auf dem Boulder. Nur Jeremy traute sich nicht, und widmete sich lieber seinem Projekt vom letzten Trip nach Magic Wood: Intermezzo. Intermezzo ist eine klassische 7c Linie die an kleinen Leisten durch einen 33° Überhang verläuft (für alle die schon immer die Neigung von Steinen in einem Wald messen wollten – dafür gibt es eine App!). Nachdem Jeremy den Boulder drei Tage am Stück projektierte, schaffte er es endlich alle Züge zu verbinden und den Boulder durchzusteigen.

Obwohl der Fels in Magic Wood nicht annähernd so scharf ist wie in einigen anderen Gebieten, gibt es doch den ein oder anderen Griff der deutliche Spuren hinterlässt… Obwohl ich dank meiner Manox Produkte meine Haut intakt halten konnte, musste ich nach einiger Zeit meinem Körper und meinen Händen etwas Pause eingestehen. Chris und ich entschieden uns also einen Ruhetag einzulegen. Einige der anderen wollte dennoch klettern. Dementsprechend gingen wir alle zusammen zum Beachbloc, wo der Fluß den Stein weich geschliffen hat und man hervorragend Barfuß bouldern kann. Chris stieg im ersten Versuch Grit de Luxe (7b) barfuß durch, während ich es in einem dynamischen Zug von Slip Slap Slop (7a) schaffte einen meiner Fußnägel durchzubrechen. Hinter dem Beachbloc kletterte Salman den wunderbar delikaten Beach Mantle (6b).Am nächsten Tag kletterte Lilly gut ausgeruht Exclusive, ihre erste 7b. Chris hatte sich mittlerweile auch an den Schweizer Fels gewöhnt und kletterte direkt hintereinander Minisex Sit (8a) und Du côté de Seshuan (7c+). Motiviert schaffte ich es endlich Foxy Lady zu klettern. Ich hatte den Boulder in meinem aller ersten Magic Wood Trip probiert und konnte damals absolute kein Land sehen, da mir sowohl die Fingerkraft als auch die Körperspannung fehlte. Dass ich den Boulder durchsteigen konnte zeigt, dass sich das Training ausgezahlt hat.

Nach einer erfolgreichen Kletterwoche hatten wir uns ein Belohnung redlich verdient – und was könnte belohnender sein als Italienische Pizza 🍕? Circa 25min mit dem Auto von Magic Wood entfernt, direkt hinter der italienischen Grenze, findet sich im malerischen Montespluga die gemütliche Pizzeria La Capriata. Das Restaurant ist über die Jahre für mich fester Bestandteil eines jeden Magic Wood Trips geworden.

Glücklich und satt machten gingen wir am nächsten morgen ein letztes Mal für ein paar leichtere Boulder in den Wald, bevor wir alle in verschiedenste Richtungen nach Hause fuhren.

Also, wenn du noch nie in Magic Wood warst – was solltest du tun?

  1. Bring viele Crashpads und Spotter mit. Die Landung ist konsistent schlecht. Komm entweder mit einer Gruppe, so wie wir, finde schnell Freunde, oder Fall einfach nicht runter, so wie Max Prinz. Obwohl einige Boulder relativ sicher sind, brauchen die meisten bekannteren Boulder in der Regel viele Pads.
  2. Besorg dir einen Führer und guten Orientierungssinn. Mittlerweile habe ich soviel Zeit im Wald verbracht, dass ich die meisten Boulder auch ohne Karte finde. Aber für jemanden der noch nie dort war, macht die Abwesenheit von richtigen Wegen es teilweise ziemlich schwierig die Boulder zu finden.
  3. Einen Ersatzreifen – denn man weiß ja nie. Auf dem Weg ins Tal, schaffte ich es, als ich einem entgegenkommenden Auto ausweichen musste, mir an einem Rohr neben der Straße den Reifen aufzuschneiden. Ich bin sofort liegen geblieben, hatte aber leider keinen Ersatzreifen dabei… Ohne meine Freunde und die Hilfe von Auto Gasparini, wäre ich verloren gewesen.
  4. Vergiss nicht Spaß zu haben, und nicht nur Projekte zu klettern für die du einfach noch nicht stark genug bist. Und wenn du doch verzweifeln solltest, hol dir wenigstens hinterher eine Pizza.
Henry Heinemann

Steckbrief Henry Heinemann

Jahrgang: 1994
klettert seit: 2011
arbeitet: bei Cloudflare (the biggest internet company you’ve never heard of!)
mag: Schokolade
mag nicht: Sportklettern
mag manchmal: schlafen
aufgewachsen: in Hamburg
kletterte: Sportklettern ist nicht so mein Ding. Aber ich bin gut im Sichern!
boulderte: in fast 50 Hallen weltweit (ich bin ein Hallenkind, und stolz drauf!)

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