Chulilla Offseason

Chulilla, ein Traum in Kalkstein

Jeder Hobbykletterer hat zumindest eine Kletterrunde, welche sich jährlich die Seile und Expressen auf den Rücken schnallt und andächtig wie bei einer Wahlfahrt auf den Weg macht um neue Gebiete zu erkunden. Der hart verdiente Urlaub, über das Jahr angespart wird dazu benutzt Chalk am Felsen mit Schweiss zu vermischen um von den ausgestoßenen Endorphinen wieder ein weiteres Jahr zerren zu können. Unser jährlicher Endorphinrausch hat uns dieses Mal nach Chulilla gebracht, eines der jüngeren, noch nicht so bekannten Klettergebiete in Spanien, welche es trotzdem bereits zu internationalen Ruhm gebracht hat. Chulilla wird nicht ohne Grund in einem Atemzug mit El Chorro, Siurana und Margalef genannt. Kommend von Madrid führt die Zufahrt über eine extrem enge Bergstraße welche kaum Platz lässt für zwei Autos nebeneinander lässt. Hat man dann aber die letzte Hügelkuppe mit dem Mietauto erklommen hat, dann wird man bereits mit einer Wahnsinns Aussicht belohnt.

Der letzte Kilometer for Chulilla (das weiße Dorf auf der linken Seite)

Chulilla selbst ist ein nettes kleines Dorf auf einen Hügel gebaut. Die Burgruine im Hintergrund erinnert daran, dass das Dorf einmal eine wichtige strategische Position für das Militär im Mittelalter inne hatte. Die Burgruine ist frei zugänglich und bietet einen tollen Ausblick über das Tal vor Chulilla und in 10 Gehminuten zu erreichen.

Gleich zu Beginn sei einmal erwähnt, dass wir ausserhalb der Klettersaison unterwegs waren, diese dauert von Beginn Oktober bis Mitte April. Zuerst haben wir uns noch gewundert, wieso sowenig Kletterer zu sehen sind, uns war dann aber auch schon bald recht klar warum. 30 Grad im Schatten machen Klettern bei direkter Sonneneinstrahlung unmöglich. Wir waren so ziemlich die einzigen Kletterer die weit und breit unter der Woche sichtbar waren. Bei der Planung des Trips haben wir uns nicht mit der Frage beschäftigt, wann denn die beste Zeit zum Klettern in Chulilla ist. Nachdem wir alle berufstätig sind ist die Auswahl relativ begrenzt und man muß nehmen was man bekommt. Am Wochenende sind dann doch noch ein paar Einheimische vereinzelt aufgepoppt, aber nicht weiter der Rede wert, die meiste Zeit waren wir die Einzigen weit und breit. Es hat natürlich auch seine Vorteile, wenn man ausserhalb der Hauptsaison unterwegs ist. Chulilla hat genügend Sektoren zur Verfügung welche entweder die meiste Zeit (Las Cuevas) oder zumindest für einige Stunden am Tag im Schatten liegen. Wenn man jetzt nicht unbedingt nur wegen einer speziellen Route da ist, dann hat man mehrere Sektoren zur Verfügung mit welchen man sich locker ohne Probleme eine Woche herumschlagen kann.

Wichtig, im französischen sechsten Grad zu klettern und sich dort auch wohl zu fühlen ist Grundvoraussetzung um in Chulilla überhaupt Spaß zu haben. Magere 9% der gesamten Routen sind im 5ten französischen Grad und darunter, also nur etwas für Fortgeschrittene. Anbei habt Ihr eine Aufteilung der Routen.

  • Anzahl der Routen
  • In Prozent

Kauft euch den neuesten Kletterguide von Pedro Pons und Ihr habt alles an Information, was Ihr braucht. Wir haben den Guide gleich direkt vor Ort im örtlichen Tante Emma Laden gekauft, gibt es allerdings auch online. Wenn Ihr den Guide vor Ort kauft, dann solltet Ihr eigentlich immer die neuste Ausgabe haben. Wir haben die zweite Version aus dem Jahr 2018 erstanden. Was für uns besonders wichtig war, die Information wann die Sektoren im Schatten liegen und damit kletterbar waren. Anbei ein Link wo Ihr den Guide auch online erhalten könnt, kletterfuehrer.net.
Was allerdings positiv für September spricht, ist dass die Sonne in Spanien später untergeht als bei uns in Mitteleuropa, daher kann man auch im September ohne Probleme bis 20:00 Uhr mit Licht klettern. Das lädt natürlich ungemein zum Spanischen Way of Life ein und man kann die Mittagszeit perfekt nutzen für eine kleine Siesta. Die beste Zeit zum Klettern im September ist am Vormittag bis 13:00Uhr und dann wieder ab 16:00Uhr, dazwischen kann man sich dem faulenzen hingeben. Das gehört ja mindestens gleich zu jeden Klettertrip wie das Klettern an sich. 

Zur Anreise gibt es nicht viel zu sagen, Mit dem Flugzeug nach Madrid oder auch direkt nach Valencia. Von Madrid aus dauert die Anreise mit Auto dann noch ca. 3 ½ Stunden, wobei der letzte Teil über eine ziemlich enge Bergstraße führt, also schön vorsichtig fahren. Der Zugang von Valencia Seite ist leichter, mit breiteren Straßen. Wir empfehlen euch auf jeden Fall mit dem Auto anzureisen, entweder Mietauto oder auch dem Eigenen. Am nördlichen Ende der Stadt gibt es einen großen Parkplatz den jeder benutzen kann. Eine Vielzahl der Sektoren ist direkt zu Fuß vom Dorf aus zu erreichen, aber ein Auto bringt trotzdem was. Zum einen wollt Ihr sicher auch einmal Valencia besuchen und wir sind damit auch immer ins nächste Dorf gefahren zum Einkaufen. Chulilla selbst hat nur einen kleines Geschäft, für einen richtigen Supermarkt muss man schon 20 Minuten weit fahren.

Wir waren zu sechst in unserer Gruppe und haben uns ein AirBnB direkt über der lokalen Bar “El Canton” angemietet. Unser Apartment mit den klingendem Namen “La Abuela” (Die Oma) ist sehr liebevoll hergerichtet, renoviert und für uns das Wichtigste, hatte eine große Küche. Wir haben uns meistens am Abend selbst versorgt und immer was gekocht. Auch notgedrungen, da alle Restaurants im Dorf im September sowieso noch geschlossen sind oder gerade auf Urlaub waren. Die einzig offene Bar im Dorf, welche direkt unter uns war (El Canton) hat zwar sehr empfehlenswerte und vor allem große Bocadillos, aber auf Dauer wird das natürlich auch etwas eintönig.

Riesenbocadillos in der Bar El Canton.

An die Öffnungszeiten muß man sich auch erst gewöhnen, obwohl die Bar zwar fast immer offen hat (Kaffee und Bier gibt es immer), gibt es aber nicht immer Essen. Am Abend erst wieder ab 20:00 Uhr, am besten vorher nachfragen und informieren. Wenn Ihr kein Spanisch spricht, dann kann euch Marta, der Gastgeber und Besitzer von “La Abuela” helfen. Sie spricht perfekt Englisch und scheint das Wikipedia von Chulilla zu sein. Sie weiß alles was man so zum überleben braucht und ruft auch gerne bei Restaurants an um dort zu reservieren (sofern welche offen haben…). Alles in allem eine empfehlenswerte Unterkunft, einziger Wermutstropfen für früh zu Bettgeher, das Leben fängt in Spanien erst am Abend an und die Bar hat meistens bis 24:00 Uhr offen. Entsprechend sitzen auch noch Gäste vorne auf der Straße und die man deutlich hört. Um Mitternacht war dann aber immer Schluss und uns hat es nicht gestört da wir sowieso immer eine “Nachbesprechung” des Klettertages mit Bier oder spanischen Wein hatten.

Aber jetzt einmal zum Wichtigsten Teil des gesamten Trips, zum Klettern. Chulilla hat einen ausgesprochen schönen Kalkstein Felsen, der sehr hautschonend ist. Zu Beginn können die Routen speziell im unteren Teil manchmal bereits sehr rutschig sein, was einem den Grad etwas anzweifeln lässt, aber nach 2-3 Expressen wird es dann schon griffiger. Das Tolle an der Sache ist allerdings, dass die Haut der Fingerkuppen auch nach mehrtägigen Klettern ohne Pause noch nicht w.o. gibt (mit Manox gibt es dann sowieso keine Hautorobleme mehr…). Wir sind nach Chulilla mit mit zwei 80m und einem 60m Seil angereist. Die Mehrzahl der Routen sind Sportkletterrouten, aber nehmt auf jeden Fall ein 80m Seil mit, da Routen über 30m keine Seltenheit sind. Eine kurze Beschreibung der Sektoren, welche wir geklettert sind:

“Las Cuevas” – Tio jose

Der älteste und wahrscheinlich bekannteste Sektor von Chulilla. Las Cuevas ist der Felsen der Rückseite des Dorfes selbst und darüber steht die Burgruine mit all Ihrer Pracht. Wir haben uns öfters in diesem Sektor aufgehalten, da er den größten Teil des Tages im Schatten liegt und für uns im September perfekt war. In der ganzen Woche, welche wir dort waren, haben wir einmal ein anderes Kletterpaar getroffen, ansonsten hatten wir den ganzen Sektor immer für uns selbst.

Pesadilla, Colmillo

Der Sektor liegt direkt am Wasserkraftwerk und ist am Vormittag bis 13:00Uhr im Schatten. Hier gibt es einige interessante Routen und es gibt auch eine Menge Kaktusfrüchte welche reif waren und nur darauf gewartet haben von jemand gepflückt zu werden. Diese sind genießbar, haben aber für meinen Geschmack zu viele Kerne und zu wenig Geschmack. Einmal probiert aber das war es dann auch, ist jetzt nicht unbedingt eine Empfehlung.

Prehistorico

Von allen Sektoren die wir geklettert sind, war das der Sektor mit dem schwierigsten Zustieg. Schwierig, da der Zustieg sehr steil und zugewachsen ist und man schon sehr gut auf seine Tritte aufpassen muss. Prehistorico liegt im Nachmittag allerdings im Schatten, daher haben wir den Anstieg auch auf uns genommen haben.

La Ceguera

Dieser Sektor hat liegt auch am späten Nachmittag im Schatten und hat fast von allen den leichtesten Zustieg. Das ist der große Felsbrocken direkt vor dem großen Autoparkplatz am Ende des Dorfes. Der Sektor hat einige schöne Routen zu bieten, auch eine sehr exponierte Route an der Kante, die mit 3 Sternen bewertet ist.

Rogelio – abgebrochen

Das Tal von Chulilla ist von einem Fluß durchzogen und es gibt dort auch den Charco Azul. Das ist ein kleiner See und eine Touristenattraktion welche auch noch andere Leute als Kletterer anlockt. Direkt neben dem Charco Azul gibt es auch noch eine altes Wasserkraftwerk, welches nicht mehr in Betrieb ist. Wir wollten hier einen leichten Multi-Pitch durchgehen um oben auf dem Plateau auszusteigen, haben aber abgebrochen, da die Route extrem verwachsen und nicht zu erkennen war. Bekommt keine Empfehlung von uns, den Sektor kann man meiden, speziell in Chulilla wo es genügend andere Möglichkeiten zum Klettern gibt.

Miguel Gómez

Zum Abschluss haben wir uns noch einen schönen 6-er Sektor gegönnt, Miguel Gómez. In diesem Sektor findet man wahrscheinlich auch die einzige 4c in Chulilla. Miguel Gómez liegt direkt am Gewässer und lädt zum Verweilen und Chillen ein. Der Zustieg ist spektakulär und erfolgt über eine Hängebrücke, welche einen atemberaubenden Flußverlauf überspannt. Auch ohne zu Klettern kann man diesen Weg nur jeden empfehlen, für eine kurze Ausgleichswanderung. Speziell am Wochenende trifft man auch wieder viele Touristen, welche nicht zum Klettern gekommen sind, sondern nur wegen der atemberaubend schönen Landschaft. Ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Auch ausserhalb der Hauptsaison kann Chulilla trotz Hitze überzeugen. Wenn man etwas flexibel ist, mit der Wahl seiner Routen, wird man immer eine schattige Route finden. Speziell, da keine anderen Kletterer weit und breit zu finden sind. Wenn einem trotzdem zu heiß ist, dann empfiehlt sich eine Siesta, ein kühlendes Bad im Flus oder auch ein Kultur/Essausflug nach Valencia.

Chulilla von gegenüber, Sektor Prehistorico

Manox_Mark

Steckbrief – Mark

Baujahr: 1978
klettert seit: schon etwas länger…
arbeitet: mit Autos
mag: Kalkstein
mag nicht: wenn er ausrinnt vor lauter Hitze
mag manchmal: Multi-pitch
aufgewachsen: mit Kühen
kletterte: noch viel zu wenig
boulderte: auch schon in Japan

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