Buildering in Wien

Wien und seine Build(er)ings

Einmal Spiderman sein

In Wien kann man nicht klettern? Wer sagt denn so was? Was, das steht im Blog auf diesen Seiten! Pfff…diese Blogger haben echt keinen Plan. In Wien kann man nämlich klettern – und wie. Und das Beste: man braucht nicht einmal Felsen dazu. Ich sag nur: Buildering is ON!

Schön und gut, doch was ist „buildering“ eigentlich? Dazu müssen wir die Wortkunde bemühen: „Bouldering“ (engl. boulder „Felsblock“): Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, „building“ (engl. für Gebäude). Kombiniert ergeben die beiden Wörter etwas höchst Eigenartiges: „Buildering“, also das Klettern an Gebäude in Absprunghöhe. Was diesen weltweiten Trend betrifft, nimmt Wien neben Berlin eine Pionierrolle ein. Gebuildert wird in der Walzerstadt schon seit den 1990ern. 2011 fand hier der Urban Boulder Cup statt und sorgte für viele Neuerschließungen. Die meisten davon befinden sich in oder an den fließenden Gewässern Wiens, dem Donaukanal und dem Hauptstrom der Donau selbst. Einige davon werden wir euch im Folgenden vorstellen.

Flexwand

Wie es begonnen hat, weiß keiner. Waren es einfach ein paar sternhagelvolle Nachtschwärmer, die nach einem Besuch des legendären Flex auf der gegenüberliegenden Uferseite eine Mutprobe suchten? Oder waren es doch findige Kletterer mit Radarblick, denen bei einem Promenadenspaziergang am Donaukanal die sieben Meter hohe Granitwand an der Augartenbrücke ins Auge stach. Oder steckt etwas ganz anderes, ein findiger Ingenieur, der selbst eine Leidenschaft für Felsen hegte und kletterbare Sturkturen für zukünftige Generationen in den Brückenbau schmuggelte, hinter dem Spot an der Augartenwand? Man wird es nie erfahren.

Fakt ist, dass die sogenannte „Flexwand“ an der Augartenbrücke einer der ältesten und auch besten Buildering-Spots der Stadt ist. Die Granitblöcke, die eine darüber verlaufende Stiege stützen, sind perfekt mit Leisten und Kanten strukturiert, das Absprunggelände darunter ist makellos eben. Die Kletterei an der Flexwand ist diffizil und steigtechnisch anspruchsvoll, als reiner Anfänger wird man sich dort nicht leichttun. Wer Crashpads mitbringt und gut im Ausspreizen ist, der kann sich an der sieben Meter hohen Verschneidung wagen. Erschwerend kommt neben winzigen Griffen am Flexwandl die Graffiti-Patina hinzu: der eingetrocknete Sprühlack, der so manchen Boulder überzieht, sorgt für eine ultraglatte Oberfläche. Egal, dann muss man eben noch sauberer klettern! Zwei Klassiker sollte man nicht auslassen wenn man schon einmal hier ist: Machete und The Knife. Wer kein Problem damit hat, an diesem gut frequentierten Ort konstant von den Blicken der Vorbeispazierenden, – laufenden und -radelnden zu performen, der wird an hier ein paar gute Nachmittage verbringen und kann abends volleé im Flex ein Bier schlürfen.

Reichsbrückenpfeiler

Der Reichsbrückenpfeiler nimmt unter den Buildering-Spots in Wien eine Sonderstellung ein: Wer auf dem aus der neuen Donau ragenden Objekt buildert, kommt dank einem Crashpad aus bestem H2O gleichzeitig auch in den Genuß eines astreinen DWS (Deep Water Solo). Dank Abkühlungsoption ist der Reichsbrückenpfeiler speziell an heißen Sommertagen der coolste Kletterspot Wien´s und war aus diesem Grund schon mehrfach (2013, 2015, 2016) der Austragungsort des Urban Boulder Cup.
Die Einstiege erreicht man idealerweise mit dem Trettboot doch wer keine Bootsmiete berappen will, kann natürlich auch schwimmen. Kletterschuhe sind zwar nicht so gut wie Flossen dennoch sind erstere letzteren vorzuziehen. Die Kletterprobleme am Reichsbrückenpfeiler sind mannigfaltig und reichen von Traversen knapp über den Wasserspiegel bis hin zu trickreichen Leistenbouldern mit bis zu acht Metern Höhe.
Eine wichtige Sache darf nicht vergessen werden: Die Reichsbrücke hat selbstverständlich nicht nur einen Pfeiler, sondern deren viele. Gebouldert werden sollte natürlich nur an jenen, die aus der aufgestauten „neuen Donau“ zwischen Copa Cagrana und Donauinsel ragen. Jene im fließenden Hauptstrom sind nicht zu empfehlen. Erstens besitzt die Donau eine beträchtliche Fließgeschwindigkeit, andererseits ist auf ihr reger Schiffsverkehr im Gange. Soweit, dass ein Abgang am Topzug in einer Begegnung mit Schiffsschraube oder Oberdeck mündet, sollte man es nicht kommen lassen.

Handelskai

Wer vom Reichsbrückenpfeiler spricht, darf den gegenüberliegenden Handelskai und seine vielen Bouldermöglichkeiten, die sich an seinen Ufermauern befinden, nicht verschweigen. Unterhalb der Millenium City wartet nicht nur eines der knackigsten Probleme auf stählerne Finger, sondern auch eines der ästhetisch wertvollsten. Bei „Hole in One“, das beim Urban Boulder Cup 2014 von Jef Verstraeten (NED) erstbegangen wurde, ist der Name Programm. Von einem fiesen Untergriff kommend, erwischt man unter voller Ausstreckung am Deadpoint den in der Wandmitte befindlichen Namensgeber: ein flaches, mies zu haltendes Zweifingerloch. Über dieses gilt es sich dann mittels einem hundsmiserablen Seitgriff und mit einem wackeligen Aufsteher an die rettende Kante zu katapultieren. Bei diesem Problem ist buildering at it‘ s best garantiert, vorausgesetzt man bringt die notwendige Power mit. Das Video dazu anbei.

Kanalriss

Die beste Risslinie Wiens befindet sich bei der Salztorbrücke im 2. Wiener Gemeindebezirk, no doubt. Mit einer Höhe von sechs Metern gehört der „Kanalriss“ auch zu den höchsten Builderproblemen der Stadt – da kann es schon einmal passieren, dass man beim ersten Antreten schlucken muss. Der knifflige Einstieg stellt die Hauptschwierigkeiten dar, dennoch bleibt es dem Riß, der sich von Finger- bis auf Faustbreite weitet, bis oben hin spannend. Eine saubere Fußtechnik und Erfahrung im Rißklettern sind dringend zu empfehlen. Oben am Top heißt es zwar nicht „Augen zu und durch“ sondern eher „Stay focused“, da der letzte Zug etwas weiter ist. Beim Abspringen sollte unbedingt auf die Stufe beim Podest geachtet werden. Diese hat schon einige Verletzte auf dem Gewissen.

Mehr darüber erfahrt Ihr wieder auf der Seite von urban-climbing: www.urban-boulder.com/de/boulderroute/kanalriss

Spittelau

Die Spittelau ist ein Kraftwerk der Fernwärme Wien und von weithin sichtbar. In ungefähr der Mitte des Schlots sitzt eine goldene Knolle, die aussieht als wäre sie in dem gigantischen Hals beim Runterschlucken einfach steckengeblieben. Irre sieht dieses Feature aus, doch es gibt eine schlechte Nachricht: dieser Turm ist und bleibt unkletterbar. Es gibt aber auch eine gute Nachricht in punkto Spittelau: an der Flusspromenade unterhalb des Komplexes befinden sich einige ausgezeichnete Buildering-Möglichkeiten.

Die Backsteinmauern- und Bögen, die die Abgangsrampe zur Uferpromenade stützen, sind ein wahres Boulderparadies. Dank der unterschiedlich großen Fugen zwischen den Ziegeln lassen sich Traversen in beliebiger Länge und Schwierigkeit basteln. Die Mauerbögen sind da schon eine andere Liga. Wer ihre Spitzen erklettern möchte, wird auch mit maximaler Fingerpower nicht ohne Heelhooks auskommen. Und das in einer Höhe von bis zu fünf Metern! Ein Crashpad ist deswegen unbedingt vonnöten, denn Asphalt federt bekanntlich nicht. Man sollte sich aber nicht nur auf die Mauern und Bogen konzentrieren, sondern auch auf das Zusammenspiel der beiden:
Wo Bogen auf senkrechte Mauer trifft, ergeben sich nämlich spannende Verschneidungssituationen, z.B. die „Urban-West Verschneidung“.

Schon vor einigen Jahren hat man das Potential des Ortes am Kanal entdeckt und an der Rückwand des Pier 9-Parkhauses eine 25 Meter hohe, kommerzielle Kletterwand errichtet. So konnte man sich nach einer Buildering-Session ins Seil einbinden und noch ein paar Längen ziehen. Genial! Mittlerweile ist auch das schon wieder Geschichte und die nackte Wand überragt den unter ihr vorbei ziehenden Donaukanal-Radweg wie ein Mahnmal.

Ganz im Gegensatz zu dieser haben es die Betonplatten am Kinderspielplatz genau unterhalb des Radwegs geschafft, die Wirren der Zeit zu überdauern. Mit den Fugen, die diese Platten durchziehen, lässt sich so Einiges anfangen, denn deren Oberflächen sind glatt und außerdem verlaufen sie irgendwie immer in die falsche Richtung. Fingerkraft und Fußtechnik sind bei den Traversen, für die man dank Kiesbett außer Chalk und Kletterschuhe nichts braucht, gefragt.

Andrea Maruna klettert den Torbogen am Pier9.
Döblinger Steg

Eine der spektulärsten und luftigsten Buildering-Linien befindet sich auf der Unterseite des Döblinger Stegs. Oben auf dem Steig stehend, klettert man erst an den seitlichen Stützträgern nach unten um dann je nach Ausdauervermögen entweder hangelnd oder heelhookend die Unterseite des Stegs zu bewältigen. Aiese hinter sich lassend, geht es auf der anderen Seite wieder hinauf. Auch wenn die Schwierigkeiten für dieses Unternehmen im als moderat zu bezeichnenden 6. UIAA-Grad liegen, kann man mit stehenbleibenden Passanten je nach Tageszeit mit unterschiedlicher Stückzahl sowie Applaus und vielstimmigen Aaah’s und Oooh’s im Falle einer erfolgreichen Begehung rechnen. Erfolgreich sollte die Begehung des Döblinger Stegs aber auf jeden Fall sein, denn man bewegt sich in beträchtlicher Höhe. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Döblinger Steg- Traverse eher ein Freesolo als Bouldern an einem Gebäude.
Es empfiehlt sich am Döblinger Steg in Kleingruppen unterwegs zu sein und keinesfalls in Rudeln aus Kletterern. Die Polizei begegnet dermaßen extremen Klettersituationen nicht mit Bewunderung, sondern mit Organmandatsstrafen.

Auch wer es weniger luftig mag, kommt am Döblinger Steg auf seine Kosten. Und zwar am sogenannten Nasenbogen. In punkto Höhe kann er mit der U-Boot Traverse am Steg zwar nicht mithalten, dafür hat er der Hangelorgie am Stahlträger in punkto Schwierigkeit und technischem Anspruch Einiges voraus. Je höher man am Bogen klettert umso undankbarer werden die Griffe. Am Zwickel angekommen hilft nur mehr ein gut platzierter Heelhook. Unter diesem sollte unbedingt auch ein Crasphpad liegen, da der Körperschwerpunkt hier schon etliche Meter über dem Boden schwebt. Wer hier hookt merkt schnell, dass der unscheinbare Bögen doch um Einiges höher ist als er auf den ersten Blick aussieht.

Bernd Zangerl am Döblinger Steg.
Kabelwerkboulder

Die sogenannten „Kabelwerkboulder“ beim Generationenspielplatz in der Nähe der U6- Station Tschertegasse sind schon eine witzige Sache. Bei ihnen handelt es sich um drei Obeliske aus grünem Marmor. Die Intention dieser drei Objekte ist klar: Die Stadtverwaltung wollte den öffentlichen Raum mit Kunst behübschen, die Tristesse aus Beton sollte durch etwas Nettes zum Anschauen behübscht werden. Klettern hatten die Beamten wohl nicht im Sinn aber das macht nichts. Schließlich ist die Entfremdung eine beliebte Strategie in der Kunst und auch wenn Bekletterung der ursprünglichen Intention widerspricht, ist sie dennoch legitim. Das ist gut so, denn das Beklettern dieser Skulturen ist eine durchaus spaßige Angelegenheit. Ein Nachmittag lässt sich damit zwar nicht verbringen, eine unterhaltsame Session ist dennoch garantiert. Wann ist man schon auf grünem Fels gebouldert?

Mehr Informationen dazu mit dem folgenden Link auf Urban-Boulder: Kabelworkboulder

Mittlerweile gibt es über 100 über die Stadt verteilte Buildering-Spots. Die besten Infos zu den meisten von ihnen findet ihr hier: Vienna Walls – The Urban Boulder Book
Sehr hilfreich ist auch diese Site: http://www.urban-boulder.com

Wir wünschen euch viel Spaß beim Spiderman spielen!

Sector: Supercrack butress
Location: Indian Creek, Utah

Steckbrief – Flo

Alter: 39
klettert seit: einer gefühlten Ewigkeit
arbeitet: hart, aber so wenig wie möglich
mag: das draußen-Sein
mag nicht: Suderer
mag manchmal: seine Extremitäten in gemeinen Sandstein-oder Granitrissen zu verklemmen
aufgewachsen: im 3. Wiener Gemeindebezirk
kletterte: die eine oder andere 8b-Route
boulderte: im Suff um einen Wirtshaustisch und tat sich dabei weh

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