Boulderstile im Wandel der Zeit

In diesem Eintrag widmen wir uns den verschiedenen Boulderstilen und Bewegungstechniken die im Moment den Wettkampf dominieren. Kein anderer als Ingo, selbst Wettkampfschrauber, hat sich der Materia angenommen und die historische Entwicklung, wie wir bouldern näher angesehen. Bevor wir aber so richtig in die Materie der verschiedenen Boulderstile eintauchen, ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte des Wettkampfkletterns angebracht.

Die ersten Wettkämpfe

Alles verändert sich im Laufe der Zeit, vor allem in einer recht jungen Disziplin wie der des Kletterns und Boulderns.  Die ersten internationalen Kletterwettkämpfe fanden 1982 in Russland statt. Es war damals das erste Mal, dass europäische Kletterer nach Russland, hinter den Eisernen Vorhang, eingeladen wurden. In der Sowjetunion wurden schon Kletterwettbewerbe in den späten 1940er-Jahren ausgetragen. Die Wettbewerbe waren nur auf Speed fokussiert und nur sowjetische Athleten nahmen daran teil. Beim ersten internationalen Wettkampf handelte es sich dementsprechend auch um einen Speedwettkampf am Fels auf der Krim, in der Nähe des Schwarzen Meeres. Dieser Wettkampf war der Start für die ersten organisierten Wettkämpfe in Europa. Wie in Russland fanden diese zuerst am natürlichen Fels im Freien statt. Der erste internationale Wettkampf wurde 1985 im italienischen Bardonecchia durchgeführt. 90 Prozent der damals besten Kletterer nahmen an diesem kontroversen Wettkampf teil. Somit bestand erstmals die Möglichkeit, sich direkt mit anderen Spitzenkletterern zu messen. Von Fairness konnte man aber nicht wirklich sprechen, da alle Routen am Fels schon vor dem Wettkampf probiert werden konnten. Um dann doch für faire Bedingungen zu sorgen, wurden die Routen vor dem Wettbewerb am Fels verändert. Dadurch nahm aber der Fels erheblichen Schaden, was wiederum dazu führte, dass der französische Verband entschied keine Wettkämpfe mehr an natürlichen Gegebenheiten durchzuführen und in Zukunft auf künstlich errichtete Wände auszuweichen. Der erste Wettkampf an einer künstlichen Wand, die französische Lead Meisterschaft, fand 1986 in Avignon statt. Für die Kletterer war es damals noch sehr ungewohnt sich an künstlichen Griffen und Wänden zu bewegen! Aber Schritt für Schritt entwickelte sich ein Teil des Kletterns zu einem echten Wettkampfsport. 1989 fand dann der erste Weltcup (im Lead) in Nürnberg statt. Erst 1998 wurde das Bouldern offiziell als neue Disziplin im Klettern vorgestellt. Der erste Boulderweltcup fand noch im selben Jahr in Cortina D’Ampezzo statt. Damals gab es noch keine genauen Regeln und somit war der erste Boulder ein 20-Zug-Monster in einem Dach! 2004 entstand durch Jacky Godoffe die heute weltweit normierte Speedroute. Über die Jahre hat sich das Wettkampfklettern mittlerweile etabliert und am 3. August 2016 wurde Klettern (als Kombination) in das olympische Programm 2020 in Tokyo aufgenommen.

Soweit so gut zur Historie, aber was hat das mit verschiedenen Kletterstilen gemeinsam?

Entwicklung Griffe zu Strukturen (Veränderungen)

Um die Entwicklung in den letzten Jahren anzusehen, muss man sich nur einmal folgende Tabelle ansehen. Sie zeigt die prozentuelle Verteilung der Griffarten 2011 und 2018.

2011 2018
Leisten 62% 10%
Aufleger 15% 15%
Zangen 15% 5%
Strukturen, Volumen 5% 65%
Untergriffe, Henkel 3% 5%

Wie in der Tabelle klar erkenntlich, hat sich das Bild des Boulderbaus um 180 Grad gedreht. Athleten wie Dimitri Sharafutinov, 3-facher Weltmeister im Bouldern, war jahrelang an der Weltspitze, jedoch durch die massiven Weiterentwicklungen der Volumen und Griffe entstand ein komplett neuer Boulderstil und Dimitri ist nur mehr selten unter den Top 20 anzufinden.  2011 war durch die Dominanz von Leisten die Power in den Armen und Fingern stark leistungslimitierend. Dimitri machte z.B. 20/20/20, d.h. 20 Klimmzüge mit 20 kg Zusatzgewicht 20-mal (Serien). – Heute wie damals fast unvorstellbar. Man merkt also bereits sehr rasch: Die Ansprüche an die Athleten ändern sich mit jedem neuen “Boulderstil”.

Wie bereits im letzten Blog von mir über das Schrauben von internationalen Wettkämpfen beschrieben, werden die IFSC-Routensetzer vom internationalen Verband eingeteilt. Für die Trainer und Athleten ist es essenziell zu wissen, bei welchem Wettkampf welcher Routensetzer als Chef eingesetzt wird, da jeder Routenbauer einen eigenen Stil hat.

Einige Beispiele:

  • Jacky Godoffe: Ein Markenzeichen von Jacky ist, z.B., dass er auf bekannte Griffe kleine Spax raufschraubt oder glatte Flächen mit Schleifpapier aufraut. Somit werden Griffe, die die Athleten zu kennen glauben auf einmal zu einem ganz anderen Griff. Jacky liebt diese Spielereien!
  • Reini Fichtinger: Reini schraubt Weltklasse-Bewegungsprobleme und versucht dabei immer etwas Neues zu bauen, um die Fähigkeiten der Athleten voll und ganz zu fordern.
  • Haszler Manu: Manu ist bekannt für seinen unglaublich schweren Mantel in jeder Art und Weise. Es wird auch gemunkelt, dass manche seiner Boulder nur er selbst klettern kann …
  • Viele verschiedene mehr …

So hat jeder Routenbauer seine Eigenheiten. Die Athleten müssen somit unglaublich vielseitig sein, wenn sie im Weltcup am Podium stehen wollen!

Aktuell geforderte Fähigkeiten im Bouldern

(Schnelligkeit, Schnellkraft, koordinative Fähigkeiten, Antizipationsfähigkeit, Kraftfähigkeiten, …)

Aufgrund der starken Weiterentwicklung von Griffen und Volumen in den letzten 3 bis 4 Jahren haben sich auch die Anforderungen an die Athleten vollkommen geändert. Ist es 2011 hauptsächlich noch darum gegangen, sich richtig festhalten zu können, liegt heute der Schwerpunkt auf komplexen, koordinativ anspruchsvollen Bewegungsabfolgen. Natürlich muss man sich auch festhalten können, aber im Moment liegt der Schwerpunkt auf der Komplexität von Bewegungen. Um uns einen Überblick über diese Ansprüche zu verschaffen, schauen wir uns noch einmal an, wie ein Weltcup im Boulder aufgebaut ist: In der Qualifikation müssen 5 Boulder, im Halbfinale und Finale jeweils 4 Boulder geklettert werden. Das Zeitlimit in der Quali liegt bei 5 Minuten pro Boulder und in den Finali bei 4 Minuten pro Boulder. Ist die Zeit aus, darf nicht mehr fertig geklettert werden.

Wie ein Beispiel einer Qualifikationsrunde ausschauen könnte:
  • Eine Platte: z.B.  Aufsteher über einen Fuß, Mantel, Sprung und gleichzeitiges Abfangen mit Hand und Fuß,…
  • Eine Vertikale oder leicht überhängende Wand: ein Kraftboulder oder etwas Technisches
  • Eine steile Wand: meistens das Kraftproblem
  • Zwei mittelsteile bis vertikale Wände: Bewegungsprobleme, Koordination, …

Dasselbe gilt für das Finale, nur dass es einen Boulder weniger gibt.

Beispiele für mittlerweile Standard-Bewegungsabläufe-Kombinationen:
  • Dynamo mit gleichzeitigem Hand-Fuß-Abfangen
  • Doppelter Umschnapper und Fußcatcher
  • Toehookcatch
  • Toehookcatch to toehookcatch
  • 3 bis 5-fach Dynamo (WC Meiringen 2018: 5-fach Dynamo im Herrenfinale)
  • Dynamo in den Stütz und gleichzeitiger Fußcatcher
  • „Lambada“-Dynamo: Durchschwingen der Füße – mit den Füßen voraus auf ein Volumen springen und anschließend den Schwung abfangen..
  • Platten- oder Volumenläufer

Die Optionen für neue Bewegungssequenzen und -abläufe sind quasi unendlich.

Beispiel I für eine Bewegungssequenz, geklettert von Sandra Lettner

Kraft und Koordination

Aus Sichtweise der Trainingslehre werden den Athleten mehrere Fähigkeiten gleichzeitig abverlangt. Beim Bouldern ist das Zusammenspiel der Kraftfähigkeiten und andererseits der koordinativen Fähigkeiten Schlüssel um die derzeitigen Herausforderungen zu meistern. Die beiden Diagramme zeigen euch noch im Detail wie diese Fertigkeiten zusammenhängen und Sie sich aufgliedern. Wer tiefer in dieses Thema eintauchen will, dem empfehlen wir die beiden Links unter den Diagrammen.

Dominanz der Japaner

Seit zwei Jahren und auch heuer dominieren die Japaner das Bouldern. Wie kommt das und warum sind sie im Kollektiv so stark? Im Dezember vorigen Jahres war ich mit dem Austria-Climbing-Team auf Trainingslager in Tokyo, gemeinsam mit dem französischen und japanischen Nationalteam. Wir hatten die Möglichkeit in mehreren verschiedenen Hallen in ganz Tokyo zu trainieren. Das faszinierende dabei war und ist, dass es allein in Tokyo über 200 Boulderhallen gibt! Dazu zählen natürlich auch kleinere Hallen, in denen die Wände vollgeschraubt sind und nicht das Farbbouldersystem zur Anwendung kommt. Die Hallen, in denen die Schwierigkeiten mittels Farbboulder gebaut werden, haben 11 verschiedene Bouldergrade. Von leicht bis unglaublich schwer ist alles dabei. Bei den obersten 2 Graden handelt es sich um Boulder, in denen die Weltcupathleten wie Miho, Akiyo oder Tomoa gerade ein bis zwei Züge schaffen! Also perfekte Trainingsbedingungen für alle Leistungsstufen. Im Laufe eines Monats wird die gesamte Halle sektorweise neu geschraubt. Selbst wenn du es schaffst in einer Halle alle Boulder schnell zu klettern, bleiben noch knapp 199 andere Hallen, in denen an den Projekten geschuftet und projektiert werden kann.

Wie schaut eigentlich ein Trainingstag bei einem Athleten des japanischen Nationalteams aus? Bevor das eigentliche Training startet, wird zuerst der ganze Körper mobilisiert und mögliche „Muscelstiffness“ durch Lockern gelöst. Anschließend kommt die Aktivierung des Körpers. Erst dann beginnt das Aufwärmen an der Kletterwand. Dieser Teil kann bis zu 90 Minuten dauern. Das Training an der Wand beansprucht wie in Europa 2 bis 4 Stunden, je nach Trainingsinhalt- und Phase. Nach dem Training werden die Unterarme bis zu 20 Minuten in Eiswasser gekühlt um die Regeneration zu verbessern und wieder über Stretching ausgelockert. Die meisten der Weltcupathleten in Japan haben Privattrainer, die mit ihnen arbeiten – von der Trainingsplanung, über das Techniktraining, bis zum Auf- und Abwärmen. Die Coaches des Nationalteams sind keine Trainer im eigentlichen Sinn, sondern checken die Gegebenheiten vor Ort, wie Hotel, Essen, Registrierung und organisieren gemeinsame Trainingslager. Die Masse an starken Boulderern in Tokyo ist sehr beeindruckend. Wir trainierten im b-Pump in Ogikubo unter anderem mit Rei Sugimoto und er projektierte bei einem der schweren Boulder die Züge. Währenddessen kamen zwei Jungs, noch nie zuvor gesehen auch keine Wettkampfkletterer, und kletterten Rei schnell den Boulder vor. Rei erklärte mir dann das nur wenige der fitten Japaner für Wettkämpfe motiviert sind. Trotzdem sind meistens zwischen 10 und 13 von ihnen unter den besten 20 im Boulderweltcup! Zusammengefasst die Gründe, warum ich glaube, dass die Japaner so stark im Bouldern sind:

  • Perfekte Trainingsbedingungen, 200 Hallen mit Bouldern in allen Niveaus
  • Pull-Effekt durch eine extrem hohe Dichte an sehr starken Kletterern
  • Akribisches Vorbereiten auf die Klettersession mit Aufwärmen und Cool-Down
  • Eigener Trainer, der begleitet

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Beispiel II für eine Bewegungssequenz, geklettert von Sandra Lettner

 Zukunftsanforderungen im Bouldern

Wie wird sich das Bouldern in Zukunft entwickeln, welchen Weg wird es einschlagen? Die Entwicklung in den letzten Jahren war sehr rasant, vor allem im Bezug auf die Bewegungskomplexität. Diese wird definitiv langsamer werden, aber die Einzelelemente, die momentan im Vordergrund stehen, werden vermehrt als Kombinationen innerhalb eines Boulders eingesetzt werden. Die Kraftkomponente kommt auch langsam wieder zurück. Damit ist gemeint, dass die koordinativen Fähigkeiten mittlerweile als Standardbewegungen von der Hand gehen müssen und die Boulder gleichzeitig wieder schwerer (mehr zum Festhalten/kräftiger) sein werden. Noch mehr Volumen einzubauen wird schwer werden, aber größer geht immer und die Spielereien zwischen glatten und rauen Flächen werden noch zunehmen, sodass es für die Athleten schwerer wird, die Griffflächen zu lesen. Den Athleten wird noch mehr Kraft, Kombinationsfähigkeit, Flexibilität und Geschmeidigkeit abverlangt werden.

Die Rolle der Griffdesigner und Hersteller

Nicht nur der Sport hat eine intensive Entwicklung erlebt, sondern auch die Qualität und Finesse der Griffe und Volumen verbessert sich rapide und nach oben ist immer noch viel Luft. Wie anhand der Tabelle der Griffentwicklung von 2011 bis 2018 ersichtlich, ist das gegenwärtige Thema je mehr Volumen und Strukturen, desto besser. Zuerst wurde bei den Griffen das Duratecture eingeführt, d.h. glatte und raue Flächen sind nebeneinander auf einem Griff oder Tritt. Das ist für die Athleten deutlich schwieriger zu differenzieren und präziser zu treffen. Ebenso hat sich diese Art von Style auch bei den Volumen durchgesetzt. Wenn Ihr euch selbst ein Bild davon machen wollt, dann googelt einmal die führenden Griff- und Volumenhersteller: Flathold, Cheeta, Simpl, 360, bluepill, blocs, squadra, teknik, …

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Bouldern!

Ingo Filzwieser

Steckbrief – Ingo

Baujahr: 1983
klettert seit: gefühlt ewig (2003)
arbeitet: Routenbauer und Privattrainer
mag: faulenzen und Schokolade
mag nicht: wenn’s über 25 grad hat
mag manchmal: Kalk
aufgewachsen: auf der Alm
kletterte: noch viel zu wenig
boulderte: viele Erstbegehungen am Zirbitz

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