Bouldern in Albarracín

Nervös hat Vicky unseren kleinen A1 probegepackt. Großes Zelt, das uns vier Monate lang beherbergen soll, Isomatten, Exen und Karabiner, Klamotten, Wasserkanister… und ja! Die zwei Boulderpads passen wunderbarerweise auch noch rein. Und das besiegelt unseren Plan: Albarracín, das bekannte spanische Bouldergebiet, kommt auf die lange und ständigen Änderungen ausgesetzte Liste der Hotspots, die wir in Spanien abklappern wollen.

Wegen einer unnötigen Sprunggelenksverletzung (macht keine seitlichen comp-style Sprünge in der Boulderhalle!) schieben wir Rodellar an den Anfang unseres Trips, weil Stürze ins Seil da sicher angenehmer sind als Stürze auf den Boden. Trotz unserer beiden Pads. Wir kommen Anfang Oktober an und sind von Rodellar beeindruckt: Alles zu Fuß erreichbar, tolle Routen in bestem Kalk, gut abgesichert, schnuckeliger Campingplatz. Aber wir wollen weiter nach Albarracín, bevor es zu kalt wird. Denn das Örtchen liegt auf über 1100 Metern über dem Meer und Vickys Fuß ist wieder stabil.

Die Umgebung

Albarracín ist ein malerisches Städtchen, das laut Beschilderungen zu den schönsten Spaniens zählt. Das können wir uns gut vorstellen, denn die Lage in den Bergen, die ungewohnte rötliche Farbe der Gässchen, Häuser und Dächer und die beeindruckende Burgmauer, die den Blick auf Albarracín dominiert, gefallen uns sehr. Die Gegend zwischen Teruel, Zaragoza und Albarracín ist allerdings sehr karg und öde. Man kann sich bei der Anfahrt kaum vorstellen, dass bald ein ansprechendes Bouldergebiet auftaucht. Wenn man dann aber ins richtige Tal abbiegt, kommt ein satt-grüner Pinienwald auf einen zu, mit zahlreichen Hügeln und den ersten Felsen.

Felsmalerei – Albarracín, Spanien

Das Gebiet steht unter Naturschutz – unter anderem, weil es Felsmalereien beherbergt, die an Wochenenden und Feiertagen Busladungen an Touristen anziehen. Aber keine Sorge, das beeinträchtigt uns Boulderer kaum, denn die beiden Parkplätze, von denen man alle Sektoren erreichen kann, sind ziemlich groß und die vielen Leute verteilen sich schnell.

Wir haben die Nächte unseres zweiwöchigen Albarracín- Aufenthalts im Zelt auf dem Campingplatz verbracht. Dort gibt es eine große Auswahl an Zelt- und Busplätzen und ein modernes Waschhaus mit sauberen Toiletten, einer Waschmaschine und kostenlosen warmen Duschen.

Dorthin zieht es neben uns Boulderern auch spanische Familienurlauber und französische Rentner mit Wohnwägen und Wohnmobilen. Ein interessantes Durcheinander!

Albarracín, Spanien

Es gibt am Campingplatz eine Art Café, das Baguettes zum Mitnehmen und simple Mahlzeiten anbietet. Ein besonders gemütlicher Spot zum Abhängen an Regentagen ist es allerdings leider nicht. Nicht zuletzt wegen der Siesta, die Vieles in Spanien von 1 bis 6 schließen lässt.

Die meisten Boulderer, die nicht mit Zelt oder Bus ins Spaniens Boulderparadies kommen, mieten sich allerdings eine der Ferienwohnungen. Das hat vor allem bei kalten Nächten klare Vorteile.

Ein Highlight in Albarracín ist der Bouldershop „Sofa Boulder“. Wir haben schon an vielen Orten der Kletterwelt Sticker davon gesehen und jetzt endlich ein Bild vor Augen: Klein und bunt und voller praktischer Sachen, die das Boulderherz begehrt: Shirts, Chalk, selbstgemachte Griffe aus lokalem Holz, Tape, Schuhe… und viele Boulderpads, die man sich für ca. 5 bis 10 Euro (je nach Größe) pro Tag und Pad mieten kann.

Am Campingplatz, wie im Rest Albarracíns (oder Spaniens), schaden ein paar spanische Vokabeln (oder Google Translate) nicht. Nicht viele Locals sprechen gut Englisch. Oh, und noch ein Tipp: Am besten die Angst vor Hunden daheim lassen. JEDER spanische Boulderer besitzt nämlich einen. Wir hatten aber keine schlechten Erlebnisse – die Hunde waren neugierig, aber nicht unhöflich.

Der Fels

Techo de Menos (6C) in Arrastradero

Die Boulder in Albarracín bestehen – wie in Fontainebleau – aus Sandstein. Hier haben sie allerdings einen rötlicheren Farbton. Vieles klettert sich trotzdem ähnlich wie im Pariser Hotspot: Slopige Mantles, die sich nur robbenartig bewältigen lassen, und auch wackelige Platten und Kanten findet man nicht selten.

Etwas Besonderes in Albarracín sind die vielen Überhänge und Dächer: Von riesigen Henkeln bis zu den kleinsten Leisten und Löchern beherbergen sie alle Griffformen in allen Schwierigkeitsgraden. Die größte Auswahl an diesen Dächern gibt es im Sektor mit dem vielsagenden Namen „Techos“.

Wie in Bleau muss man nach Regentagen richtig aufpassen. Denn der Fels wirkt, als ob er das Wasser regelrecht aufsaugen würde, wodurch er sehr weich wird. Kleine Steinchen kann man dann mit bloßen Fingern brechen – oder liegt das an Vickys phänomenaler Crimp Strength? Wie dem auch sei: Von nassem Fels die Finger lassen, besonders bei Schuppen und Griffen, die aus der Wand herausragen.

Felsform
Nasser Stein

Je nach Wetter gibt es offene, sonnige (schnell trocknende) oder bewaldete, eher schattige Gebiete, aus denen man wählen kann. Da man viele Blöcke sowieso von allen Seiten bebouldern kann, findet man aber höchstwahrscheinlich überall etwas für die momentanen Bedürfnisse.

Das Absprunggelände ist durchweg super. Kaum verblockt, oft sandig, oft waldbodig. Auch die ebenen und kurzen Zustiege tragen stark zum sehr entspannten Ambiente bei. Wir haben viele Familien mit kleinen Kindern getroffen, für die der Pinienwald von Albarracín ein idealer Abenteuerspielplatz ist.

Da das Gebiet nicht so alt ist wie Fontainebleau, gibt es grundsätzlich weniger erschlossene Boulder in den untersten Graden, obwohl es Potenzial gäbe: Dreier und Vierer gibt es kaum. Fünfer aber schon und ab dem sechsten Grad der Fontainebleau-Skala geht es dann richtig los und man findet viele tolle Probleme.

Empfohlene Sektoren

Wie in vielen Bouldergebieten, die einen bestimmten Bekanntheitsgrad erreichen, gibt es auch in Albarracín gewisse Einschränkungen. Einige Sektoren sind aus Naturschutzgründen ganzjährig gesperrt, und das Bouldern an oder in der Nähe von Blöcken mit Felsmalereien ist untersagt. Das Guidebook informiert hier super. Keine Sorge mit den Sperrungen – es gibt auch so wirklich viel zu Bouldern. Vor allem wir als Albarracín-Neulinge waren sogar ganz froh, dass unsere Auswahl etwas eingeschränkt war. Auch die offenen Sektoren konnten wir in unseren zwei Wochen nicht alle abklappern.

Hier stellen wir euch ein paar ganzjährig geöffnete Sektoren (Stand: 2018) mit ihren Boulderhighlights vor, die wir besucht haben. Alle sind von den zwei (nah zusammen gelegenen) Parkplätzen in maximal 15 Minuten Fußweg (meistens viel weniger) zu erreichen.

Parking

Zarzamora Stehstart (7A) in Parking

Der Sektor Parking liegt super nah am: Parkplatz. Schon vom Auto aus sieht man die ersten Blöcke. Der erste Teil des Gebiets ist etwas waldig, weiter hinten wird es offener mit sandigem Absprunggelände. Hier trocknen die Felsen nach Regen schnell.

Das Guidebook schreibt, dass es der optimale Sektor für Albarracín-Neulinge ist. Viele coole Boulder im sechsten Fontainebleau-Grad gibt es hier, zum Beispiel La Morrena 6C (ein steiles Intro in einen engen Mantle), La tortuga 6B+ (eine gutgriffige, kurze Traverse, ein weiter Zug über den Überhang hinaus und ein wackeliger „Beached Whale“) oder Confusion 6C (Super easy für Große und im Guide auch so ausgewiesen). Eine beliebte 7A ist der Stehstart des Klassikers schlechthin – Zarzamora 7C+: Hook, ein steiler, weiter Zug (oder mehrere an unglaublichen Minicrimps, wenn man klein ist) auf eine Sloperkante, doppeln und rausmanteln. Gegenüber ist mit Aeroline 7B noch ein weiterer oft begangener Boulder, der die rechten Fingerspitzen zerfetzt.

Cabrerizo

Im Sektor Cabrerizo ist der berühmte Boulder Techo de Don Pepo 7A. Dieses horizontale Dach mit Sloper- und Crimpbändern zieht viele Leute an. Das schadet aber auch nicht, denn hier ist der Untergrund eine Steinplatte und ein paar mehr Pads sind nicht schlecht. An den anderen Blöcken ist der Absprung komfortabler. Neben gut aussehenden und nicht allzu hohen 6ern gibt es auch noch den Sloperpatscherbug Palpant 7B+ und den szenisch gelegenen Saltimbanqui 7B. Hier hat man eine tolle Aussicht über ein waldiges Tal mit vielen Bouldern, die gegenüber zwischen den Bäumen herausblitzen.

Aussicht von Cabrerizo

La Fuente

Der Hauptblock in La Fuente zeigt die Verwandtschaft zu Fontainebleau: Sloper und steile, grifflose Ausstiege sind hier angesagt. Der Klassiker des Gebiets, von dem der Sektor seinen Namen hat, checkt bei 7C ein. Hier muss man in einem leichten Überhang kleine Leisten festhalten und mit abschüssigen Tritten zurechtkommen. Es gibt aber auch viele tolle leichtere Probleme: Beispielsweise die kurzen Dachboulder zwischen 6B und 6C auf der rechten Seite. Das Gebiet ist weitläufiger als es auf den ersten Blick wirkt: Im Hinteren Teil wartet beispielsweise noch der großartige Plus del Autobús: Er wird von zwei kleineren Felsblöcken getragen, was es ermöglicht, dass man auf der Unterseite des Hauptblocks herausbouldern kann, um dann die vertikale Abschlusspartie dranzuhängen. Von unten 7B, als Stehstart 6C+.

El plus del autobús sit (7B) in La Fuente

Arrastradero

La Lagrima (6C) in Arrastradero

Arrastradero ist der Sektor mit den meisten erschlossenen Bouldern. Er liegt entlang eines größeren Wegs, der auch von den Felsmalereien-Touristen benutzt wird. Ins Auge springt gleich der Klassiker La Lagrima 6C – ein senkrechtes Ei mit technischen Footmoves und einem Handwechsler. Eine wunderbare, löchrige 6A ist der Minigruière. Gleich rechts daneben ist Seiscerraro 6B auch ein Must-Do mit einem schönen diagonalen Riss. Für Starke hat Arrastradero beispielsweise El Varano 7C+ (ein eindrucksvoller Bug – viele Pads mitnehmen) und den Chakra-Block (schöne, aber nicht geschenkte 7Bs und Cs) im Angebot. Nicht zu vergessen ist auch Rammstein 7B. Vor allem Freunde von simpler, aber kleingriffiger, steiler, Crimpkletterei werden sich hier wohlfühlen. Viele Boulder hier bleiben wegen der Bewaldung etwas länger nass. Eine Ausnahme sind die Boulder auf der linken Seite des Wegs: Unter anderem Los Titiriteros 7A+ und Zombie Nation 8A liegen nämlich freier und gleich vormittags schön in der Sonne.

Minigruyere (6A) in Arrastradero
Rammstein (7B) in Arrastradero

Techos

Auf der Liste der empfohlenen Sektoren darf der Sektor Techos nicht fehlen. Viele Dächer gibt es dort, und wir können uns kaum entscheiden, welche man hier besonders hervorheben soll: Auf jeden Fall Eclipse 7B (horizontaler Spaß an Henkeln, Löchern, Crimps – und einem Mantle), auch Cosmos 8A (Sprung von einer kleinen Lochleiste in ein riesiges Loch) und A Ciegas 7A+ (Angenehme Crimps, Heel-Toe-Klemmer, weiter Zug auf einen Sloper). Wer es senkrechter mag, findet in Techos auch sein Glück, zum Beispiel mit Brainstorm 7A (bzw 7B, wenn man furchtlos den Ausstieg mitmacht). 6er gibt es (wie überall in Albarracín) en masse.

Techos hat einen etwas weiteren Zustieg (ca. 15-20 Minuten) als die anderen Sektoren, aber der lohnt sich allemal. Es ist ein Pflichtgebiet!

Brainstorm (7A) in Techos
Eclipse (7B) in Techos

Alles wichtige auf einem Blick

Anreise: Flughafen Valencia (2 Autostunden entfernt), Madrid (3,5h), eigenes Auto (ca. 2 Anreisetage einplanen)
Unterkunft: Camping Ciudad de Albarracín, einige Gästehäuser (z.B. Sandstone House, Guesthouse Don Pepo, Tokats de l’Ala)
Beste Zeit: Frühjahr und Herbst (Ende Oktober prinzipiell gut, kalte Nächte)
Einkaufen: Minisupermarkt (Hijos Narro), Bäcker (direkt gegenüber), für größere Einkäufe nach Teruel (z.B. bei Aldi)
Guides: Zwei schöne Fototopos: Albarracin Bouldering (2014, nach unserem Empfinden mehr eingezeichnete Boulder), Boulder Albarracín (2016, motivierende Boulderbewertungen)

The Frankenjura Duo

Vicky

Jahrgang: 1993
klettert seit: 2014
arbeitet: VWL-Studium und nebenbei in der Boulderhalle als Trainerin
mag: Crimps, hohe Hooks, geputzte Griffe, dunkle Schoki, Kaffee
mag nicht: Untergriffe, kalte oder nasse Felsen, Kompressionsboulder, zu wenig Fingerhaut
mag manchmal: Dynos, weite Züge
aufgewachsen: in Moosburg a.d. Isar, wohnt jetzt in Bamberg
kletterte: Zwei 7cs, z.B. Red Line im Frankenjura
boulderte: Eine 7C, Warhammer im Frankenjura

Tim

Jahrgang: 1994
klettert seit: 2010
arbeitet: Informatik-Studium – es fehlt nur noch die Masterarbeit
mag: Dynos, Crimps, klare Boulder, entspannte Klettertrips
mag nicht: definierte Boulder, Mantels, Patschboulder, lange Zustiege
mag manchmal: Seilklettern

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