Wie wird ein Boulder-Wettkampf geschraubt?

Vielleicht habt ihr euch schon einmal gefragt, wie, bzw. wer die Routen bei internationalen Bouldermeisterschaften schraubt. Was ist dabei zu beachten und wie wird sichergestellt, das alle Athleten ob groß oder klein die gleichen Chancen haben. Wir haben uns mit Ingo Filzwieser, ehemaliger Trainer der österreichischen Nationalmannschaft und Schrauber für den Europabouldercup, zusammengesetzt. Er hat uns erklärt, wie das Prozedere vonstatten geht.

Routensetzer und die wichtigsten Voraussetzungen für den Wettbewerb

Bei internationalen Wettkämpfen wird der Chefroutensetzer vom internationalen Verband, der IFSC, zugeteilt. Die weiteren Routenbauer werden in Absprache des nationalen Verbandes mit dem Veranstalter ausgemacht. Bei einem Weltcup sind es in der Regel zwei bis drei internationale und, je nach nationalem Verband, mehr oder weniger nationale Routensetzer. Bei einem Europacup reicht auch ein internationaler in jeweiliger Zusammenarbeit mit den nationalen Schraubern. Für die Bouldereuropacups sind mindestens zwei Routensetzer vorgeschrieben, bis zu drei werden normalerweise von der IFSC finanziert, der Vierte kann ein Praktikant sein oder der Veranstalter übernimmt dafür die zusätzlichen Kosten. Ist das Team zusammengestellt, sind im Vorhinein vom Chefroutensetzer die folgenden Punkte mit dem Veranstalter zu klären:

  • Zeitlicher Ablauf vor dem Wettbewerb: Wann wird die Halle abgeschraubt und die Griffe, Strukturen gewaschen, bzw. wann kann mit dem Wettkampfbau begonnen werden?
  • Verwendete Griffe: Wird es neue Griffe für den Wettkampf geben, welche Griffarten und Strukturen sind vorhanden?
  • Kennzeichnungen: Sind ausreichend Tapes für den Start, Bonus und Topmarkierungen sowie für die Begrenzungen vorhanden?
  • Leitern: Ganz wichtig, befinden sich genügend Leitern vor Ort?
  • Tools: Check des eigenen Arbeitsmaterials (Impulsschrauber, Akkuschrauber, Gewindeschneider, Torxaufsätze in verschiedenen Größen, harte und weiche Kletterschuhe, Tape wenn die Finger durch sind, …)
  • Zeitlicher Ablauf beim Wettbewerb: Wie viel Zeit wird es zwischen den Runden geben für den Boulderumbau?
  • Beschilderung: Wurde die Beschilderung der Boulder für die unterschiedlichen Kategorien gemacht? Männer/Frauenbewerb, bzw. gibt es auch eine Trennung nach Alter?
  • Nach dem Wettkampf: Müssen die Boulder nach dem Wettkampf noch abgeschraubt werden oder bleiben sie an der Wand?

Zu guter Letzt, ist es sehr wichtig, dass sich das Team, welches den Wettkampf schraubt gut kennt. Jeder Setzer hat seine eigenen Stärken und Schwächen und die muss man berücksichtigen, wenn man ausgeglichene Routen schrauben möchte. 

Der Plan vor dem Boulderbau und die Konzeption der Boulder

Bevor es mit dem Boulderbau so richtig losgeht, muss zuerst ein Gesamtplan über alle Kategorien, Runden, Qualifikation und das Finale gemacht werden. Ein solcher Plan kann folgendermaßen ausschauen: Der Plan beginnt mit der Startliste der teilnehmenden Athleten. Wer sind die „Kapazunder“, also die Stärksten, in jeder Runde? Wer sind die Schwächsten? Wie groß und klein sind die Athleten in ihren jeweiligen Kategorien, um sogenannte Längenprobleme schon im Vorhinein auszuschalten. Dies ist sehr wichtig, um zu wissen wie schwer oder leicht die Boulder überhaupt sein dürfen, d.h. die Routenbauer müssen das Niveau der Athleten und die Stärken und Schwächen der Athleten kennen, um gute und spannende Boulder bauen zu können. Wir alle möchten einen spannenden und fairen Wettkampf sehen. Im Finale werden in jeder Kategorie vier Boulder geklettert. Bleiben wir beim Europacup als Beispiel, dann sind das sechs verschiedene Kategorien (U20, U18 und U16, jeweils Jungs und Mädels). Zwei Kategorien werden im Finale immer gleichzeitig geklettert, d.h. es müssen acht Boulder gleichzeitig kletterbar sein! Für ein klares Ergebnis ist es wichtig, dass es zu einem guten Ranking zwischen den Athleten kommt. Das setzt voraus, dass die vier Boulder im Finale unterschiedliche Schwierigkeiten, von leicht (flash) bis sehr schwer, beinhalten, aber auch koordinative und bewegungstechnische Schwierigkeiten inkludieren. Dabei ist allerdings auch zu beachten, dass ein Boulder, der aus der Perspektive der Kraftkomponente leicht ist, aber von den Bewegungsabläufen sehr hohe Ansprüche hat, trotzdem ein schwerer Boulder ist. Wie ihr lest, wird hier ganz schnell klar, dass es mehrere Einflussfaktoren gibt, um die Schwierigkeiten der Boulder zu definieren.

Ein gutes Gesamtkonzept (Schwierigkeitsgrad der Boulder, koordinative Fähigkeiten und das Lösen von Bewegungsproblemen) ist die Voraussetzung für einen reibungslosen und spannenden Wettbewerb. Alle Anforderungen an die Boulder sollten in jeder Finalrunde vorkommen. Bei sechs Runden müssen 24 Boulder gebaut werden. In der Qualifikation müssen die Athleten acht Boulderprobleme lösen und haben dafür laut den IFSC Regeln eine bestimmte Zeit vorgeschrieben. Die Zeitvorgabe ergibt sich aus der Starterzahl mit einem Multiplikationsfaktor (siehe IFSC Rules: http://www.ifsc-climbing.org/index.php/2013-02-27-14-03-54). Im Europacup gibt es pro Boulder maximal fünf Versuche, um z.B. zu verhindern, dass ein Athlet die ganze Zeit nur einen Boulder probiert und damit auch andere Kletterer blockiert. Im Boulderweltcup hat man, im Gegenteil dazu, fünf Qualifikationsboulder und pro Boulder fünf Minuten Zeit. Wie im Finale sollen die verschiedenen Runden der Qualifikation abwechslungsreich, im Sinne von Bewegungsaufgaben, koordinativen Ansprüchen und niveauabhängigen Bouldern, sein. Bei einer guten Planung wird verhindert, dass derselbe Style an derselben Wand in der Qualifikation und im Finale vorkommt. Noch besser ist es, wenn in der Halle genügend Platz vorhanden ist und die Qualifikationsrunde an anderen Wänden stattfindet, wie das Finale.

So schaut er dann aus, der Gesamtplan (Boulder Europacup im BlocHouse und Wettkampfsimulation in München)

Nach der Planung ist vor der Planung: das Schrauben der Boulder

Wie in der Planung, wird auch beim Schrauben mit dem Finale begonnen. Warum wird das so gemacht? Das Finale ist immer das Wichtigste an einem Bewerb und hat das einmal begonnen, dann kann kein Griff und Tritt mehr verändert werden. Bevor wir anfangen zu schrauben, sind die Routensetzer noch frisch und ausgerastet und das Testen der Finalboulder passiert auf höherer Qualität. Die Boulder werden auf die Routensetzer aufgeteilt und jeder Routensetzer baut und testet seine eigenen Boulder, bevor es zum gemeinsamen Testen kommt. Bis ein Boulder fertig ist, ist das ein sich entwickelnder Prozess, der bis zu drei Stunden dauern kann. Die erste Idee zum Finalboulder wird einmal an die Wand geschraubt und vom Routensetzer selbst getestet. Geprüft wird, ob der Schwierigkeitsgrad, die Länge der Züge, die Bewegungsschwierigkeit usw. in sich stimmig sind. Oft wird an dem einen oder anderen Griff bzw. Volumen noch gedreht und adaptiert, eventuell ein anderes Volumen oder ein besser passender Griff gesucht. Ist der Routenbauer der Meinung, dass nach mehrmaligem Testen und Ausbessern sein Boulder den Anforderungen genügt und annähernd fertig ist, dann geht er dazu über, den nächsten Boulder zu bauen und zu schrauben, bis eine Finalrunde komplett geschraubt ist. Danach geht es ab zur Feuerprobe und jeder Boulder wird gemeinsam, in der Gruppe mit allen Routensetzern getestet und diskutiert. Sind noch Änderungen notwendig, oder entspricht die finale Runde allen geplanten Anforderungen? Beim Testen der Boulder muss zusätzlich darauf geachtet werden, dass die Sturzräume sicher sind und die Athleten nicht auf einander springen. Auf die Sicherheit der Athleten muss bereits beim Design der Boulder geachtet werden und gefährliche Bewegungen mit hohen Verletzungsrisiko (z.B. seitliche Sprünge im oberen Bereich der Boulderwand, …) und allgemeine Verletzungsquellen sind zu vermeiden. Sind sich auch alle einig, dass eine Finalrunde fertig ist (demokratisches System), werden die Griffe und Volumen markiert, eventuell auch fotografiert und wieder heruntergeschraubt. Die Finalboulder sollen natürlich nicht vor dem Finale an der Wand sein und wenn der Platz eng ist, dann wird die Wand sowieso auch für die Qualifikationsboulder benötigt.

Geschraubt wird rund um die Uhr…

Was bei den Vorbereitungen für den Boulderbewerb noch zu beachten ist…

Sehr oft kann es vorkommen, dass zwischen den Finalrunden nicht genügend Zeit für den Boulderumbau vorhanden ist, deswegen ist es dann gezwungenermaßen notwendig, einen Boulder mit Adaptionen bzw. kleinen Veränderungen für zwei Kategorien zu benutzen. Die Boulderelemente für das Finale müssen mit der entsprechenden Kennzeichnung, z.B. FWU18B2, Finale Weiblich U18 Boulder 2, beschriftet und gelagert werden. Bei 24 Finalbouldern können das ganz schön viel Griffe und Volumen sein. Das Lager muss unbedingt absperrbar sein, damit niemand Griffe oder Volumen im Scherz vertauschen kann! Sollte doch wider Erwarten ein Griff, Tritt oder Volumen abhandengekommen sein, dann muss ein adäquater Ersatz für das fehlende Element gefunden und der Boulder dann nochmals neu getestet werden. Sind alle Finalrunden fertig und wieder herausgeschraubt, geht es direkt weiter mit den Qualifikationsrunden. Für das Schrauben und Testen der Finalboulder werden in der Regel zwei Tage anberaumt. Somit bleiben meistens noch zwei Tage für die Qualifikationsrunden.

Die Anzahl der Boulder für den Wettbewerb

Bei sechs Kategorien und jeweils acht Bouldern in der Qualifikation, wären das 48 zu bauende Boulder. Da dies in zwei Tagen nicht möglich ist, wird hier anders vorgegangen als im Finale. Je nach Platz in der Halle, werden zwischen 12 und 16 Boulder geplant und geschraubt. Diese Boulder müssen in der Überblicksplanung nach den unterschiedlichen Anforderungen, abhängig vom Gelände (Platte, gerade Wand, steile Überhänge, Verschneidungen, Kanten, etc.), aufgeteilt werden. Diese Boulder sind dann die Basis für alle 48 Qualifikationsboulder. Aus diesen 16 Stück werden dann durch Anpassung und Veränderungen insgesamt 48. Sind alle 16 Boulder geschraubt, getestet und fertig, dann wird gemeinsam überlegt, welcher Boulder für welche Kategorie benutzt werden kann. Als Erstes wird die U20 ausgetüftelt. Anschließend schauen sich die Routenbauer an, welche Boulder davon für die U18 verwendet werden und welche Boulder mit Adaptionen leichter gemacht werden können, ohne viel dabei ändern zu müssen. Für die U16 sollen es idealerweise eigenständige Boulder sein und nur wenige Boulder, die von den anderen Kategorien übernommen werden.  

Boulderwand Griffe Schrauben

Die Vorbereitungen laufen…

Wichtig für Routensetzer: Die eigene Ermüdung miteinkalkulieren!

Routenschrauber zu sein ist kein Zuckerschlecken und eine entsprechend anstrengende körperliche Tätigkeit. Ein entscheidender Faktor für die Qualität der Routen, bei vier bis fünf Tagen hintereinander schrauben, testen, schrauben, testen, ist die körperliche Ermüdung. Wichtig ist deshalb, dass sich die Routenbauer auch am vierten Tag noch selbst einschätzen können. Um die Schwierigkeit der Boulder möglichst neutral beurteilen zu können, muss jeder Routenschrauber auch seine eigene Müdigkeit in Betracht ziehen und wissen, wie sich das auf seine Beurteilung auswirkt. Ist der Wettkampf einmal in vollem Gange, ist die Arbeit der Routensetzer aber noch lange nicht vorbei. Vor allem im Laufe der Qualifikationsrunden bleibt keine Zeit, sich auf die faule Haut zu legen. Während der Quali ist es wichtig, die Athleten beim Lösen der Boulderprobleme genau zu beobachten, um zu sehen, ob die Boulder den Kategorien entsprechen, oder ob sie zu leicht, oder auch zu schwer sind. Sollte dies der Fall sein, bleibt noch etwas Spielraum, um den einen oder anderen Griff im Finale zu adaptieren.

Abstimmung mit dem gesamten Team und Nachbesprechung

Am Abend vor dem Start der Qualifikation müssen noch die Startpositionen, der Bonusgriff und das Top mit Tapes markiert werden. Der Start und das Top haben die gleiche Farbe, der Bonusgriff bekommt eine andere. Schwarz wird für Abgrenzungen verwendet und darf nicht für eine der anderen Markierungen benutzt werden. Jeder Boulder benötigt auch eine Nummerierung von eins bis acht und die dazugehörige Kategorie muss gekennzeichnet sein. Ist alles vorbereitet, werden die Runden mit dem Jurypräsidenten zur Freigabe durchgegangen. Der Jurypräsident achtet dabei genau darauf, ob die Regeln der IFSC eingehalten wurden und ob kein Verletzungsrisiko für die Athleten besteht. Kurz vor dem Start ist es möglich, dass der eine oder andere Schiedsrichter noch spezifische Fragen zu seinem Boulder hat, z.B. ist diese Wand im Boulder inkludiert und darf verwendet werden, dürfen die Athleten alles steigen, wie muss die Startposition eingenommen werden, ist der Boulder überhaupt möglich? Hast du alle Boulder selbst geklettert? Nach dem Wettkampf gibt es die Nachbesprechung mit dem Jurypräsidenten und dem Veranstalter. Anschließend gibt es noch die interne Nachbesprechung unter den Routenbauern, um zu sehen, was gut funktioniert hat und wo man Dinge verbessern kann. Dabei besprechen sie auch Dinge, wie sie im Laufe der Tage miteinander umgegangen sind.

Bier Icon

Und dann erst gibt es das wohlverdiente Bier!

Ingo Filzwieser

Steckbrief – Ingo

Baujahr: 1983
klettert seit: gefühlt ewig (2003)
arbeitet: Routenbauer und Privattrainer
mag: faulenzen und Schokolade
mag nicht: wenn’s ueber 25 grad hat
mag manchmal: Kalk
aufgewachsen: auf der Alm
kletterte: noch viel zu wenig
boulderte: viele Erstbegehungen am Zirbitz

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